Weg mit den Bohrinseln: Die Stadtwerke München trennen sich vom Großteil ihres Geschäfts der Gasförderung in der Nordsee. Damit will München insgesamt auch einen Schritt weiter in Richtung Klimaneutralität gehen.

„Der Verkauf ist nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich vernünftig“, sagt Thomas Meerpohl, Leiter des Beteiligungsmanagements bei den Stadtwerken München (SWM). „Wir als Unternehmen stehen voll und ganz hinter diesem Schritt.“ So erklärt der Beteiligungsmanager den Ende des vergangenen Jahres angekündigten Verkauf der norwegischen Gas- und Ölfelder sowie eines britischen Feldes an die norwegischen Unternehmen Sval Energi und Equinor im Gespräch mit DNK zu Jahresbeginn 2022. Den Vollzug der Transaktion erwartet er für das zweite Quartal 2022. Der Münchener Stadtrat muss dem Verkauf noch zustimmen, wie auch Behörden in Norwegen und Großbritannien.

Die Stadtwerke München haben seit 2006 in die Gasexploration und -förderung investiert, als dessen Nebenprodukt auch Öl gefördert wird. 2017 hatten sie dieses Geschäftsfeld gemeinsam mit Bayerngas in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem britischen Unternehmen Centrica, Spirit Energy, eingebracht – seitdem halten die SWM einen Anteil von 31 Prozent an Spirit Energy, die restlichen 69 Prozent gehören Centrica. Mit dem Verkauf veräußert Spirit Energy sein komplettes norwegisches Geschäft. Es hat insgesamt einen Anteil von 95 Prozent an der Öl- und 38 Prozent an der Gasförderung.

Die rund 1 Milliarde Euro schwere Transaktion bringt München etwa 300 Millionen Euro ein. Bis Ende 2022 erwarten die Stadtwerke noch einen mittleren bis höheren zweistelligen Millionenbetrag aus dem Verkauf, denn sie bleiben zunächst noch an den Erlösen der Gasförderung beteiligt. Eine genauere Prognose, die laut Meerpohl ohnehin schon „mit Vorsicht zu genießen“ ist, kann er nicht geben.

Plan auf Eis

Der Beteiligungsmanager beschreibt den Verkauf als einen „geordneten Rückzug“. Schon seit 2019 hatte es Versuche von Centrica gegeben, sich von den Öl- und Gasfeldern zu trennen. Dann kam allerdings die Coronapandemie dazwischen, die Pläne lagen zwischenzeitlich auf Eis. „In der Gesamtbetrachtung hat es seit dem Einstieg der SWM 2007 sicherlich mehr Rückschläge als Erfolgserlebnisse gegeben“, sagt Meerpohl über das Engagement in der Nordsee.

Ein Grund dafür sind die sehr stark schwankenden Rohstoffpreise sowie ein abgebrochenes Projekt 2015. 2018 waren Gaspreise hoch, 2019 und 2020 extrem niedrig, aktuell wiederum werden für fossile Brennstoffe Höchstpreise aufgerufen. Dennoch: „Beim Verkauf haben die SWM tendenziell eher ein gutes Preisniveau erreicht“, sagt der Stadtwerkemanager. Zwar haben die SWM im Laufe der Jahre viel Geld investiert, in der Vergangenheit allerdings auch Rückflüsse aus Dividenden erhalten. Für 2018 seien etwa 400 Millionen Euro an die Gesellschafter geflossen.

Das nach dem Verkauf des Großteils der Ölfelder verbleibende auf Erdgas ausgerichtete Geschäft der Spirit Energy soll mit einer „geänderten Strategie weitergeführt und auf die Anforderungen der Energiewende ausgerichtet werden“, machten die SWM den geplanten Verkauf Mitte Dezember 2021 etwas versteckt öffentlich. Der Fokus werde auf der sicheren und wirtschaftlichen Förderung der bestehenden Gasreserven liegen. Zudem sollen keine neuen Felder mehr erschlossen werden.

Exitstrategie der Stadt München und SWM

In dieser Hinsicht passt der Verkauf in die übergeordnete Strategie der Stadt München und der Stadtwerke, bis 2025 den gesamten Strombedarf der Stadt selbst aus Ökostrom zu produzieren.  2009 hatten die Stadt und die SWM dieses Ziel gemeinsam formuliert. „Damit hat München Weitblick bewiesen“, sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter zu Jahresbeginn 2022. Deutlich vor Fukushima und der deutschen Entscheidung zum Atomausstieg habe die bayerische Landeshauptstadt die Weichen für eine klimafreundliche Energiezukunft gestellt.

Den Ökostrom stellt München derzeit mit Wasserkraft, Photovoltaik, Wind- und Geothermiekraftwerken sowie mit einem Biomasseheizkraftwerk her. Dazu kommen in Deutschland und Europa Onshore- und Offshorewindparks, Solarparks und ein Solarthermiekraftwerk.

Das Ziel, 100 Prozent des kompletten Strombedarfs mit eigens produziertem Ökostrom zu decken, ist laut Meerpohl „herausfordernd“. Um es zu erreichen, muss SWM dauerhaft 7 bis 8 TWh Strom pro Jahr, das sind 7 bis 8 Milliarden KWh, produzieren. Bislang davon erreicht sind mit Jahresbeginn schon 90 Prozent. Damit konnten die SWM seit 2009 ihre Ökostromproduktion in eigenen Anlagen von rund 350 Millionen KWh pro Jahr auf aktuell 6,3 TWh steigern.

Zusätzlich rechnen die Stadtwerke damit, dass der Strombedarf in München in naher Zukunft je nach Szenario auf bis zu 8 Terrawattstunden steigen wird. Gründe hierfür sind die wachsende E-Mobilität sowie der vermehrte Einsatz von Wärmepumpen.

Abstandsregeln durchbrechen

Die SWM haben schließlich den Versorgungsauftrag für die Stadt München zu erfüllen. Um das ehrgeizige Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, müssten beispielsweise die Abstandsregelungen für Windräder in Bayern durchbrochen werden. „Dann würden wir auch mehr Projekte in der Region umsetzen können“, sagt Meerpohl.

Bis es so weit ist, setzt München noch auf Gas als Brückentechnologie. In den nächsten drei bis vier Jahren wird die Produktionskurve des verbliebenden Gasgeschäfts bei Spirit Energy steil abfallen. Bis Ende der 2020er Jahre soll das Geschäft insgesamt geordnet auslaufen – wie auch die fossile Brennstoffförderung insgesamt. Als weitere neue Energiequelle neben den bislang etablierten Quellen für den Ökostrom setzen die SWM auf Wasserstoff.

Dieser sei eine „importierbare Energie“ erklärt Meerpohl; man könne dabei auf die bestehende Gasinfrastruktur zurückgreifen. Derzeit prüfe Spirit Energy etwa die Umnutzung bestehender Infrastruktur zur Einspeicherung von CO2 und Erzeugung von Wasserstoff. „Es ist unsere Strategie, früh in entstehende Industrien zu gehen“, sagt der Beteiligungsmanager.

ak.meves@derneuekaemmerer.de

Info

Der Artikel ist unter dem Titel „Geordneter Rückzug“ zuerst in der aktuellen Zeitungsausgabe 1/2022 von Der Neue Kämmerer erschienen.

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