Die deutschen Kommunen stehen vor großen Investitionen in die ökologische und in die soziale Infrastruktur. Auch im kommunalen Bereich ist daher der Trend zu grünen und sozialen Finanzierungen unverkennbar.

Spätestens seit sich die EU das Ziel gesetzt hat, Europa bis 2050 zu einem klimaneutralen Wirtschaftsraum der Zukunft zu machen, ist Nachhaltigkeit ein Thema, dem sich kaum ein Bereich entziehen kann, egal ob es sich um eine Aktiengesellschaft, ein mittelständisches Unternehmen oder eben den öffentlichen Sektor handelt. Insbesondere Kommunen und kommunalnahe Unternehmen erweisen sich als eine zentrale Instanz für den sozial-ökologischen Umbau. Sie stehen vor der Aufgabe, vermehrt dem Klimaschutz Rechnung zu tragen und eine zukunftsfähige Infrastruktur für den öffentlichen Nahverkehr sowie für erneuerbare Energien aufzubauen. Darüber hinaus müssen sie auf soziale Herausforderungen wie den Mangel an bezahlbarem Wohnraum oder an Schulen und Kindertagesstätten reagieren.

Das alles erfordert hohe Investitionen, die in der Regel die kommunalen Mittel übersteigen. Neben Förderkrediten von der KfW, Bankkrediten für Kommunen und kommunale Unternehmen kommen hier vor allem Anleihen, Namensschuldverschreibungen und Pfandbriefe ins Spiel. Sie verbinden finanzielle Planungssicherheit für die Kommunen mit einer langfristigen Perspektive für nachhaltig orientierte Investoren. Mit den Emissionserlösen werden neue oder bereits bestehende Projekte finanziert. Dabei boomt der Markt für ESG-Anleihen. So wurden in 2021 grüne, soziale oder nachhaltigkeitsbezogene Anleihen im Volumen von 1 Billion US-Dollar begeben. Angesichts dieser starken Entwicklung steigt auch das Interesse der öffentlichen Hand an nachhaltigen Finanzierungen. Nachfolgende Beispiele geben einen Einblick in die Bandbreite an grünen Lösungen.

Vielzahl an Instrumenten

Neben den klassischen Green Bonds haben sich grüne Pfandbriefe und sogar grüne Schuldscheine etabliert. Dadurch hat sich die Bandbreite für nachhaltige Finanzierungen erweitert. Dank der neuen Instrumente stehen mittlerweile geeignete Lösungen für mittlere und kleine Kommunen und kommunale Unternehmen bereit, die an den jeweiligen Finanzierungszweck angepasst und miteinander kombiniert werden können. So hat beispielsweise die Stadt Münster vor kurzem bekanntgegeben, im September mit einem grünen Schuldschein an den Markt zu gehen, mit dem unter anderem energieeffiziente Neubauten und Erweiterungen im Schulbereich finanziert werden sollen.

Auch die Berliner Wasserbetriebe haben sich das Ziel gesetzt, verstärkt Nachhaltigkeitsaspekte bei ihren Investitionen zu berücksichtigen. Diese umfassen etwa die Reduzierung von Treibhausgasen, des Energieverbrauchs und von Abfall oder Luftschadstoffen ebenso wie Maßnahmen, die die Folgen des Klimawandels eindämmen sollen, z.B. Hochwasserschutz oder die Bekämpfung von Wasserknappheit. Auf dieser Grundlage refinanzierte der Kunde mit der Ausgabe des ersten grünen Schuldscheines Anlagen zur Abwasserreinigung.

Nachhaltigkeit verringert Zins

Neben grünen oder sozialen Kapitalmarktlösungen, die für vorher festgelegte soziale oder nachhaltige Projekte verwendet werden müssen, gibt es auch die Möglichkeit, allgemeine Finanzierungsinstrumente wie Kredite mit bestimmten Nachhaltigkeitszielen zu verknüpfen. Die ENERVIE Gruppe, ein westfälisches Versorgungsunternehmen, hat so im vergangenen Jahr ihre Konzernfinanzierung neu aufgesetzt. Für Teile der Kreditlinie wurde ein variabler Zins vereinbart, der sich an einem Nachhaltigkeitsrating orientiert, das durch eine externe Ratingagentur für das Unternehmen erstellt wurde. Dabei gilt: Je höher die jährlich erreichte Punktzahl, desto geringer der Zinssatz. Als ESG-Koordinator hat die HypoVereinsbank gemeinsam mit dem Unternehmen eine Finanzierungsstruktur entwickelt, bei der die ambitionierten Ziele zur Verbesserung des Nachhaltigkeitsratings und damit des Unternehmens direkt mit der Finanzierung verknüpft werden.

Den nach eigenen Angaben bisher größten ESG-Schuldschein eines Immobilienunternehmens hat die kommunale Berliner Wohnungsgesellschaft degewo Ende Februar begeben. Den Erlös von 500 Millionen Euro hat das Unternehmen dazu genutzt, eine bestehende Finanzierung abzulösen.

Die Verzinsung ist auch hier an Nachhaltigkeitsziele gekoppelt, etwa den Erfolg bei der Absenkung von CO2-Emissionen und die Zahl jährlicher Neuvermietungen an Haushalte, die Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben.

Soziale Finanzierungen

Auch im sozialen Bereich steigen die Anforderungen an die öffentliche Hand. Social Bonds dienen beispielsweise dazu, Kommunen bei der Modernisierung von Schulen oder der Schaffung von günstigem Wohnraum zu unterstützen. Die Herausforderung besteht darin, passende Projekte zu identifizieren und deren soziale Wirkung zu messen, was im Vergleich zu beispielsweise CO2-Ersparnissen schwieriger ist.

Jenseits der etablierten Finanzierungen bedarf es punktuell neuer Ideen, um soziale Projekte voranzutreiben. Deshalb setzt etwa die HypoVereinsbank auch auf das sogenannte Social-Impact-Banking. Ziel ist es, Unternehmen und Organisationen zu identifizieren, zu finanzieren und zu unterstützen, die in soziale Projekte investieren. Voraussetzung ist, dass die positive soziale Wirkung anhand von vorher festgelegten Indikatoren messbar ist. So wurde unter anderem die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft (GWG) Ingolstadt beim Neubau „IWO – Inklusives Wohnen“ mit 44 öffentlich geförderten Wohneinheiten für Menschen mit und ohne Behinderung durch einen wirkungsorientierten Kredit unterstützt.

Für welches nachhaltige Finanzierungsinstrument sich die kommunalen Entscheidungsträger letztlich entscheiden, ist abhängig vom jeweiligen Bedarf und dem Umfang des Finanzierungsvorhabens. In jedem Fall tragen ESG-Finanzierungen dazu bei, die Investorenbasis zu verbreitern, indem ganz neue Anlegergruppen erschlossen werden. Das Ergebnis ist mehr Flexibilität und Unabhängigkeit bei der Umsetzung der eigenen Finanzierungsstrategie, insbesondere bei größeren Vorhaben. Voraussetzungen für den Erfolg sind jedoch eine vorausschauende Planung und eine glaubwürdige Kommunikation gegenüber Investoren und Bürgern.

stefan.tessin@unicredit.de

Autor

Stefan Tessin ist Leiter öffentliche Kunden der HypoVereinsbank.

Info

Der hier veröffentlichte Gastbeitrag ist zuerst in der DNK-Zeitung 2/2022 erschienen.

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