Derzeit ist es ruhiger im Segment der öffentlichen kommunalen Refinanzierung, ESG-Themen dürften Auftrieb bringen.

Für neuen Schwung im Bereich der öffentlichen kommunalen Refinanzierung dürften ab dem zweiten Halbjahr 2022 ESG-Themen sorgen. Eines der entscheidenden Argumente für die Emittenten dürfte unverändert darin liegen, durch die vergleichsweise höheren Emissionsbeträge für eine breitere Investorenschaft interessant zu werden, was sich wiederum günstig auf die Refinanzierungskosten auswirken sollte. Hinzu kommt, dass der mit einer Stadtanleihe verbundene regulatorische Aufwand sowie entstehende Kosten für die Beteiligten allein oft zu hoch sind. Mit Blick auf ESG-Themen werden viele Kommunen ohne ein bisher passendes ESG-Rahmenwerk vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Kommunalanleihen: Vorreiter Hannover und Essen

Transaktionen von Kommunalanleihen oder kommunalen Schuldscheindarlehen (kurz: SSD) sehen wir – in der Neuzeit – verstärkt seit 2009 am Markt. Hannover (2009) und Essen (2010) waren hier mit 180 Millionen Euro (10 Jahre) bzw. 200 Millionen Euro (5 Jahre) nennenswerte Vorreiter. Auch wenn es zeitweise zu kleineren Durststrecken kam (erst 2013 folgte laut unserer Aufzeichnung die nächste Kommunalanleihe der Stadt Mainz), entwickelte sich das Segment von 2013 bis 2020 stetig weiter. So schlossen sich Nürnberg und Würzburg für eine Transaktion (100 Millionen Euro) zusammen, später waren es dann die sogar international bekannten Zusammenschlüsse aus Nordrhein-Westfalen: Unter dem Ticker NRWGK begaben wechselnde Kommunen gemeinsame NRW-Kommunalanleihen. Von den bisher sechs Transaktionen ist erst eine fällig geworden. Dies hielt andere Kommunen nicht davon ab, den Kapitalmarkt auch allein anzuzapfen: u.a. Ludwigshafen, Bochum, Dortmund.

Deutschland entwickelte, angelehnt an die oben skizzierten Transaktionen, im Jahr 2018 eine neue Form: Die erste gemeinsame „Deutsche Städteanleihe“. Hier schlossen sich über mehrere Bundesländer hinweg Kommunen aus Niedersachsen (Celle & Emden), NRW (Bochum & Essen) sowie dem Saarland (Saarbrücken) zusammen. Das Gesamtvolumen betrug 200 Millionen Euro. Die Emittenten waren mit unterschiedlichen Volumina vertreten, die von 15 Millionen bis 55 Millionen Euro reichten. Das Buch war damals mit 336 Millionen Euro nennenswert überzeichnet, was die Hoffnung nährte, dass es nicht bei einem „One-Hit-Wonder“ bleiben würde.

Grüne Wandlung

ESG steht für „Environmental, Social and Governance“. Anleihen aus diesem Segment orientieren sich daher immer an den Bereichen Umwelt (E), Gesellschaft (S) und Unternehmensführung (G). Ein besonderes Angebot richtete sich im Februar 2020 direkt an die Münchner Bürgerinnen und Bürger: Die bayerische Landeshauptstadt begab mit der „Münchner Stadtanleihe“ die erste soziale Anleihe einer europäischen Großstadt. Am 18. Februar 2020 startete der Börsenhandel. Hier war auch klar der strategische Kommunikationsansatz zu erkennen: Die Adressierung erfolgte direkt an Privatinvestoren, wogegen viele andere Kommunalanleihen zum Beispiel bei Versicherern und Assetmanagern oder in Banken-Treasuries platziert werden. Folglich bekamen (auch) private Anleger die Möglichkeit, ihr Kapital ESG-konform zu investieren. Die Mindeststückelung betrug 1.000 Euro. Die Münchner Stadtanleihe ist als Social Bond ausgestaltet. Den Grund, die „Use of Proceeds“, lieferte die Emittentin in ihrer Investorenstory direkt mit: Die finanziellen Mittel der Anleihe kommen besonders den Mietern zugute, denn sie dienen vor allem dazu, bezahlbaren Wohnraum zu sichern.

ESG-Themen im Fokus

Die Landeshauptstadt Hannover hat 2018 erfolgreich ihren ersten Green-&-Social-Schuldschein emittiert, um damit ihr langjähriges Engagement auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit zu unterstreichen. Die enthaltenen Projekte umfassen ausschließlich Investitionen in den städtischen Gebäudebestand und dienen durch Einsparung von Energie und CO2 dem Klimaschutz sowie der Unterbringung von Geflüchteten und Wohnungslosen. Die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt und der Nachhaltigkeitsnutzen der ausgewählten Projekte wurden – wie üblich in diesem Segment – von externen Stellen geprüft und in Form einer sogenannten Second-Party-Opinion (SPO) bestätigt. Die anfängliche Laufzeit betrug 30 Jahre (tilgend) und konnte zu dem – damals erfreulichen – Zinssatz von 1,56 Prozent platziert werden. Die Emission war mehr als zweifach überzeichnet, daher wurden das Volumen von ursprünglich geplanten 80 Millionen Euro auf 100 Millionen Euro aufgestockt und die Bücher bereits vorzeitig geschlossen.

Schweift der Investorenblick über den deutschen Tellerrand, trifft dieser ziemlich schnell Paris oder Madrid, wenn es um regionale ESG-Anleihen geht. Madrid war die erste spanische öffentliche Verwaltung, die auf den Anleihemarkt zurückgriff, um gezielt soziale Projekte zu finanzieren. Die erste Sozialanleihe der Region Madrid wurde im August 2016 begeben. Jeder fängt mal klein an: Die platzierten 48 Millionen Euro dienten der Teilfinanzierung des garantierten Mindesteinkommens. Madrid hat sich im März 2022 erneut an die Kapitalmärkte gewandt und platzierte erfolgreich eine neue nachhaltige Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit im Volumen von 1 Milliarde Euro. Dies sollte deutsche Kommunen zusätzlich ermuntern: Mehr als eine Verzwanzigfachung in weniger als sechs Jahren. Nicht jeder muss ein Extravehikel für den Ausbau seines U-Bahn-Netzes gründen, wie Paris es mit der „Société du Grand Paris“ tat. Dort entstehen 68 neue Bahnhöfe und 200 Kilometer automatisierter Linien als Vorzeigeprojekt unter der französischen Hauptstadt – zu 100 Prozent finanziert durch ESG-Anleihen.

norman.rudschuck@nordlb.de

Autor

Dr. Norman Rudschuck (CIIA), NORD/LB Flooranalyst für öffentliche Emittenten,

Dr. Frederik Kunze, NORD/LB Flooranalyst für Covered Bonds,
frederik.kunze@nordlb.de

Philipp Bank, DCM der NORD/LB, Strukturierung von Green, Social und Sustainable Bonds
philipp.bank@nordlb.de

Info

Der Gastbeitrag ist zuerst in der Ausgabe 2/2022 von Der Neue Kämmerer erschienen. Hier geht es zum Abo.

 

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