Globale Krisen zwingen zum Handeln. Die Donut-Ökonomie hilft Städten bei der sozial-ökologischen Transformation.

Die Klimakrise, soziale Ungleichheit und Umweltveränderungen sind eine globale Herausforderung dieses Jahrhunderts, deren Bewältigung die Weltgemeinschaft sich mit den Pariser Klimazielen und der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt hat. Globale Ziele können aber nur erreicht werden, wenn lokale Akteure auf der ganzen Welt zusammenarbeiten und die Ziele in ihr lokales Bestreben integrieren.

Städte als Nachhaltigkeitstreiber

Durch die wachsende Anzahl der Menschen, die es auf der ganzen Welt in Städte zieht, hat sich die Stadt als zentrale gesellschaftliche Organisationsform etabliert. Allein in Europa leben mehr als 70 Prozent aller Menschen in Städten, und die Tendenz ist steigend. Städte sind außerdem für 80 Prozent aller weltweiten Ressourcenverbräuche und Treibhausemissionen verantwortlich. Darüber hinaus sind sie allerdings auch mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert: Bevölkerungswachstum, demographischer Wandel, Infrastrukturveränderungen, Wohnraumknappheit, Umweltereignisse, soziale Polarisierung, ökonomischer Wettbewerb und technischer Wandel.

Städte sind damit zugleich Verantwortliche und Betroffene globaler Umweltveränderungen, des Klimawandels und sozialer Ungleichheit. Das bedeutet aber auch, dass sie Schlüsselakteure in der sozial-ökologischen Transformation sein können. Sie bilden den Rahmen für effektiven Klimaschutz und können lokal Klimaanpassungsmaßnahmen umsetzen. Die Rückbesinnung auf das Lokale hilft auch dabei, sozial-ökologische Probleme greifbarer zu machen, da sie die Menschen vor Ort direkt betreffen und ihre eigene Situation verbessern. Langfristiges Ziel der Städte muss es sein, keine fossilen CO2-Emissionen mehr zu produzieren und einen ganzheitlichen Ansatz zur nachhaltigen Lebensweise und für Umweltschutz zu finden, damit sie auf Dauer lebenswert bleiben.

Leitversion Donut-Ökonomie

Ein ökonomisches Modell kann Städten helfen, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen zu stärken. Ein gutes Leben für alle – das ist der Grundsatz von Kate Raworths Donut-Ökonomie. Ein klebriges Gebäck und ein gutes und nachhaltiges Leben, in Einklang mit der Natur, das passt auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen. Doch Raworth geht es um die Form des Donuts. Malt man einen Donut auf ein Blatt Papier, dann malt man automatisch einen äußeren und einen inneren Kreis. Der innere Kreis des ökonomischen Donuts nach Raworth beschreibt die sozialen Bedürfnisse aller Menschen, wie zum Beispiel angemessener und bezahlbarer Wohnraum oder der Zugang zu Bildung. Der äußere Kreis definiert die ökologischen Grenzen unseres Planeten. Hierzu gehören u.a. CO2-Emissionen oder der Ressourcenverbrauch. Die Vision eines guten Lebens, die Raworth verfolgt, befindet sich genau zwischen den beiden Kreisen: ökologisch tragfähig und sozial gerecht. Mit diesem Bild schafft sie ein Wirtschaftsverständnis, das echte Nachhaltigkeit der globalen und lokalen Wirtschaft ermöglichen soll.

Amsterdam und deutsche Initiativen

Das Modell der Donut-Ökonomie fungiert schon heute als Leitbild für die nachhaltige Stadt- und Wirtschaftsentwicklung der niederländischen Metropole Amsterdam. Im April 2020 veröffentlichte Amsterdam als erste Kommune der Welt einen „City-Doughnut“. „Doughnut entspricht dabei der englischen Schreibweise, „Donut“ der amerikanischen. Die Vision der Stadt besteht darin, Amsterdam in eine Kreislaufstadt zu verwandeln, die einen intelligenteren Ansatz für den Umgang mit knappen Rohstoffen, Produktion und Konsum verfolgt und mehr Arbeitsplätze für alle schafft. Aber auch in Deutschland gibt es Kommunen, die sich an der Donut-Ökonomie orientieren. Bad Nauheim beispielsweise experimentiert mit einem partizipativen Prozess zur nachhaltigen Entwicklung, basierend auf dem Donut-Modell. Initiativen, die der Donut-Ökonomie gerecht werden, gibt es zudem in vielen Städten und Gemeinden.

Beispiele solcher Initiativen sind Nullemissionensiedlungen oder Energiegenossenschaften. Nullemissionensiedlungen sind Wohnsiedlungen, deren Energiebedarf und die verursachten CO2-Emissionen durch Sanierungsarbeiten minimiert und deren verbleibende Restemissionen durch regenerative Energieerzeugung ausgeglichen werden. Mit 330 Häusern ist die zero:e eine der größten Siedlungen dieser Art in Deutschland. Hier wurde darauf geachtet, so klimabewusst wie möglich zu bauen. Zum Beispiel wurden die Verschattung minimiert, Hauptwohnräume gen Süden ausgerichtet, Bewirtschaftung durch Regenwasser installiert und ein Begrünungskonzept entworfen, um so wenig Fläche wie möglich zu versiegeln. Energiegenossenschaften betreiben lokale Energienetze, vermarkten lokal erzeugte Energie und entstehen durch den Zusammenschluss von Bürgern und Bürgerinnen. Diese stellen das Kapital für gemeinschaftlich finanzierte Photovoltaikanlagen oder andere erneuerbare Energie. Die wohl bekannteste Energiegenossenschaft sind die Elektrizitätswerke Schönau eG (EWS), die schon in den neunziger Jahren entstanden.

Der Weg zur Donut-Kommune

Der Amsterdamer City-Doughnut sowie die zwei beschriebenen Initiativen in Deutschland können anderen Städten, die ihre Nachhaltigkeitsbemühungen intensivieren wollen, als Beispiele dienen. Um die Denkweise des Donuts in der Kommune zu übernehmen, hat das Nela. Next Economy Lab aus Bonn außerdem eine Methodentoolbox zur Donut-Ökonomie für den deutschsprachigen Raum entwickelt und stellt sie auf der Projektwebsite kostenlos zur Verfügung. „Wir sind davon überzeugt, dass kommunalen Akteuren mehr Aufmerksamkeit beim Kampf gegen den Klimawandel sowie für soziale und ökologische Gerechtigkeit zukommen sollte. Sie sind am nächsten an den Bürgern und Bürgerinnen dran und können diese in die Pflicht nehmen, gemeinsam an den kommunalen Herausforderungen zu arbeiten. So können negative Effekte kommunaler Entscheidungen, die sich bspw. in Lieferketten und dem Ressourcenverbrauch auf die globale Ebene auswirken, minimiert werden“, argumentiert Jonas Bothe, der Leiter des Projekts. Die Donut-Ökonomie entwirft mit ihren vielfältigen Dimensionen ein neues Leitbild, das Teil eines kulturellen Wandels sein kann, und gibt den Bürgern und Bürgerinnen und den Stadtverwaltungen eine Handlungsrichtung vor. Mit dem Donut im Hinterkopf, kann kritisch hinterfragt werden, was wir für ein gutes Leben wirklich brauchen und wie diese Bedürfnisse erfüllt werden können, ohne dem Planeten und Menschen anderswo zu schaden.

strobel@nexteconomylab.de

terhorst@nexteconomylab.de

Info

Der hier veröffentlichte Gastbeitrag ist bereits in der aktuellen Zeitungsausgabe von Der Neue Kämmerer 03/2022 erschienen. Hannah Strobel ist Geschäftsführerin, Carlotta Terhorst ist Mitarbeiterin für Projektakquise und Öffentlichkeitsarbeit bei NELA. Next Economy Lab.

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