malende Kinder in Ganztagsbetreuung

Quelle: Thinkstock/ Getty Images/ AnaBGD

18.10.17
Haushalt

Ganztagsbetreuung: 20 Milliarden Euro für Infrastruktur

20 Milliarden für Infrastruktur und mehr als 72.000 zusätzliche Fachkräfte: Eine flächendeckende Ganztagsbetreuung von Schülern würde massive Kosten verursachen. Die kommunalen Spitzenverbände fürchten, dass die Verantwortung für die Umsetzung am Ende den Kommunen aufgebürdet wird – und warnen vor der Schaffung eines Rechtsanspruchs.

Im Bundestagwahlkampf haben sich die Parteien mit ihren Vorschlägen für eine bessere Betreuung von Kindern und Jugendlichen gegenseitig übertroffen: Während sich selbst die Union der Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler angeschlossen hat, will die SPD-Fraktion darüber hinaus bis 2020 am liebsten sogar allen Schülern einen Ganztagsplatz anbieten können.

 

Was die Umsetzung dieses Versprechens für alle Kinder und Jugendlichen in Grundschulen, in der Sekundarstufe I und in Förderschulen kosten dürfte, zeigt eine gestern veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die Ziele dabei allerdings niedriger steckt als die SPD: Um im Jahr 2025 immerhin 80 Prozent aller Schüler einen Ganztagsplatz anbieten zu können, müssten bis zu diesem Zeitpunkt 3,3 Millionen zusätzliche Plätze entstehen. Die Schulträger müssten bei dieser Versorgungsquote gut 15 Milliarden Euro in den Ausbau der Infrastruktur investieren.

 

Hinzu kommt ein immens steigender Personalbedarf: 31.400 zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer sowie 16.200 weitere pädagogische Fachkräfte müssten bis 2025 eingestellt werden. Die zusätzlichen Personalkosten beziffern die Autoren auf 2,8 Milliarden Euro jährlich.

Personalbedarf: 72.600 Fachkräfte bis 2030

Nochmal deutlich teurer wird es freilich, wenn allen Schülern bundesweit Ganztagsangebote zur Verfügung stehen sollen. Um diesen Anspruch bis zum Jahr 2030 zu erfüllen, sind laut Studie 5,2 Millionen zusätzliche Plätze erforderlich – damit einher gehen Kosten für Um- und Neubauten von 20 Milliarden Euro und ein Bedarf von 72.600 zusätzlichen Fachkräften, darunter 48.000 Lehrer.

 

Um das Soll in beiden Szenarien zu erfüllen, müssen Bund und Länder massiv Tempo beim Ausbau des Schulangebots machen. Im Schnitt müssten dazu ab sofort 300.000 zusätzliche Plätze pro Jahr geschaffen werden – eine Vorgabe, die mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen mehr als ambitioniert erscheint. Denn seit dem Auslaufen des Bundesprogramms zur Förderung von Ganztagsschulen im Jahr 2009 kamen jährlich nur noch etwa 120.000 neue Plätze hinzu. Gehe die Entwicklung in diesem Tempo weiter, werde es „noch mehr als vier Jahrzehnte dauern, bis ein flächendeckendes Angebot für alle Schüler bereitsteht“, schreiben die Autoren.

 

Derzeit stehen für gut 40 Prozent aller Schüler Ganztagsplätze zur Verfügung. Die Situation in den einzelnen Ländern zeigt allerdings gravierende Unterschiede: Während in Hamburg neun von zehn Schülern in der Primarstufe, Sekundarstufe I und an Förderschulen auch nachmittags betreut werden, liegt die Quote in Bayern bei lediglich 16 Prozent.

Verbände: Rechtsanspruch ist der falsche Weg

Konkrete Vorschläge, wie die massiven Kosten verteilt werden könnten, liefert die Studie nicht. Bund, Länder und Kommunen müssten die offenen Fragen zur anteiligen Finanzierung klären, heißt es lediglich. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, fordert daher einen „nationalen Kraftakt für Ganztagsschulen“. Der Ausbau sei von den Eltern gewollt, pädagogisch geboten und finanziell machbar. Zudem solle ein Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz geschaffen werden.

 

Die kommunalen Spitzenverbände fordern ebenfalls zusätzliche Anstrengungen für den Ganztagsausbau, erneuerten aber ihre Warnungen in Bezug auf flächendeckende Rechtsansprüche. „Ein Rechtsanspruch über die kommunale Jugendhilfe, wie er auf Bundesebene diskutiert wird, ist der falsche Weg“, sagte die Präsidentin des Deutschen Städtetages, Eva Lohse (CDU), gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.  

 

Auch Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, sprach sich erneut gegen die Schaffung eines rechtlichen Anspruchs auf Ganztagsbetreuung aus: „Der bloße Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Grundschulkinder löst keine Probleme“, sagte Landsberg. Anderenfalls drohe ein Flickenteppich an Betreuungsangeboten ohne einheitlichen pädagogischen Ansatz. Letztlich würde ein Rechtsanspruch zudem dazu führen, dass „die Verantwortung für dieses wichtige gesellschaftspolitische Thema den Kommunen“ zugeschoben werde.

 

s.nitsche(*)derneuekaemmerer(.)de