Im zweiten Teil des Interviews spricht Bernhard Hartmann, Kämmerer der Stadt Paderborn, über den Konsolidierungskurs, den die Stadt während der Finanzkrise einschlug und seine größte berufliche Herausforderung.

Herr Hartmann, 2019 planten Sie für 2020 noch mit einem ausgeglichenen Haushalt und sprachen von „sehr soliden Finanzen“. Haben Sie in den vergangenen Jahren zumindest ein gutes Polster für die Bewältigung der Krisenfolgen erwirtschaften können?
Paderborn hat zwar, finanziell gesehen, kein besonders weiches Polster, doch wir konnten 2017/18 die Verschuldung immerhin etwas zurückführen. Das wäre mir im größeren Umfang noch viel lieber gewesen, denn ich bin ein Anhänger der alten Lehre und möchte eigentlich geliehenes Geld auch irgendwann zurückzahlen. Wenn dies schon kaum möglich ist, sollten die Schulden wenigstens nicht grenzenlos weiter steigen. Natürlich ist auch bekannt, dass einige Volkswirte dies anders sehen.

Was sollten Kämmerer Ihrer Meinung nach jetzt tun?
Zurzeit haben wir ein niedriges Zinsniveau, und Investitionen sind nötig. Wir haben daher rentable Investitionen und reine Zukunftsinvestitionen getätigt. Für sinnvolle Zukunftsprojekte können wir eine höhere Verschuldung eingehen. Paderborn hat das Glück, dass die Stadt nie in der Haushaltssicherung war. Meine Vorgänger haben solide gewirtschaftet. Zudem gab und gibt es hier keinen riesigen Strukturwandel, sondern eher eine leichte Strukturänderung. In den vergangenen 20 Jahren ist die Stadt um deutlich mehr als 10.000 Einwohner gewachsen trotz des Abzugs der britischen Soldaten.

Harter Konsolidierungskurs während der Finanzkrise

Waren Sie als Kämmerer schon in einer ähnlich herausfordernden Situation wie jetzt?
Der einzige Vergleich, der mir hier einfällt, ist die Finanzkrise. Damals musste Paderborn einen harten Konsolidierungskurs einschlagen. Die Prognosen waren auch damals düster, doch die Steuereinnahmen stiegen dann kontinuierlich an. Auch deshalb habe ich die Situation damals als deutlich entspannter in Erinnerung als die jetzige. Begleitet von einem Beratungsunternehmen, haben wir etwa Gebühren für die Stadtbibliothek und die Sportplatznutzung eingeführt – aber in einem sehr moderaten Rahmen. Für die Sportplatznutzung berechnen wir beispielsweise weniger als 2 Euro pro Stunde für eine ganze Mannschaft. Maßnahmen wie diese haben dann in Summe gereicht. Trotz allem haben wir es geschafft, dass Paderborn die Gewerbesteuer nicht über den fiktiven Hebesatz anheben musste – damit waren wir eine von wenigen Großstädten in NRW, die das erreicht haben.

Was war Ihre größte berufliche Herausforderung während Ihrer Zeit in Paderborn?
Das war ohne Zweifel die Rekommunalisierung der Eon Westfalen Weser AG. 2003 hatte die Eon Energie AG unter Beteiligung der kommunalen Gesellschafter die PESAG AG mit zwei weiteren Regionalversorgern zur Eon Westfalen Weser AG verschmolzen. 2012 hat der Eon-Konzern dann den Kommunen die Übernahme des Unternehmens angeboten. 2013 hat die Stadt schließlich die Anteile mit 47 weiteren Gesellschaftern erworben. Dabei kauften die Städte Herford und Paderborn jeweils mehr als 20 Prozent. Auch die Stadt Minden und einige Kreise sind beteiligt. Das war viel, viel Neuland für Paderborn. Eineinhalb Jahre haben wir für die Bewertung und die anschließenden Verhandlungen benötigt. Die Kommunalpolitiker der beteiligten Kommunen mussten für diesen Schritt begeistert werden. Im Rückblick ist die Entscheidung absolut richtig gewesen. Mittlerweile gibt es 56 Gesellschafter.

„Wir können uns auf dem Gebiet der Digitalisierung sehen lassen”

Warum sind Sie Paderborn beruflich immer treu geblieben?
Ich bin Paderborner, und auch meine Großeltern stammen aus Paderborn. Ich fühle mich hier einfach wohl und identifiziere mich mit der Stadt. Das war mir, bezogen auf meine Tätigkeit als Kämmerer, auch immer wichtig: Aus finanziellen Gründen allein wäre ich in keine andere Stadt gewechselt. Ich denke, man kann nur in einer Stadt Kämmerer sein, zu der man ein gutes Verhältnis hat. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass man als Bürgermeister wie auch als Kämmerer große Vorteile hat, wenn man aus der Stadt kommt, in der man auch tätig ist – auch wenn ich weiß, dass es erfolgreiche Kollegen gibt, die das für sich auch anders entschieden haben.

Welchen Rat würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
Bei aller Euphorie in Politik und Verwaltung muss man als Kämmerer eher auf die Bremse treten. Das finanziell Machbare darf man niemals aus dem Blick verlieren. Wenn es um öffentliche Förderungen geht, gibt es nur zwei Strategien: Entweder man marschiert vorneweg, oder man wartet die Entwicklung ab und profitiert von den Erfahrungen anderer. Diese Fokussierung bietet auch Chancen. So sind wir in zwei großen Projekten stark vertreten. Wir sind im bundesweiten Bitkom-Wettbewerb „Digitale Stadt“ zweiter Sieger hinter Darmstadt geworden, worauf wir stolz sein können. Wir sind Modellregion für Digitalisierung in NRW und wollen hier Vorreiter sein. Beim Förderprojekt Smart Cities 2020 haben wir zudem einen Zuschlag für Förderbeträge über 10 Millionen Euro erhalten. Klar ist, dass wir auch einen eigenen Beitrag zu diesen Projekten beisteuern müssen. Mit unserer Historie aus der Ära Nixdorf und der Universität können wir uns auf dem Gebiet der Digitalisierung sicherlich sehen lassen.

ak.meves@derneuekaemmerer.de

Info

Das hier veröffentlichte Interview mit Paderborns Kämmerer Bernhard Hartmann ist zuerst in der aktuellen Ausgabe 3/2021 von Der Neue Kämmerer erschienen. Lesen Sie im ersten Teil „Wir sind mit einem blauen Augen davon gekommen” über die Aufgaben, die die Coronakrise der Stadt Paderborn stellte.

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