„Der Neue Kämmerer“ Zeitung – Titelthema

Ausgabe 02/2019

Ohne Plan

Energiewende: Stadtwerke-Chefs stellen Bundesregierung verheerendes Zeugnis aus.

Überregulierung trifft auf fehlende politische Konzepte: Deutschlands Stadtwerke treten beim Umbau des Bestandsgeschäfts auf der Stelle. Die Studie „Stadtwerke – fit für die Zukunft? 2019“ zeigt, welche Themen Stadtwerke-Chefs die größten Sorgen bereiten – und wo sie Potential für die Zukunft sehen.

Stadtwerke­-Chefs hadern massiv mit den Rahmenbedingungen der Energiewende. Obwohl viele Geschäftsführer und Vorstände die Energiewende durchaus als Chance begreifen, behindert das regulatorische Umfeld die dringend nötige Neuausrichtung des Geschäfts. Das zeigen die Ergebnisse der Studie „Stadtwerke – fit für die Zukunft? 2019. Kohleausstieg – Digitalisierung – Regulatorik“, die diese Zeitung vor Kurzem gemeinsam mit den Partnern BDO und ING veröffentlicht hat. Für die Erhebung wurden 100 Entscheider aus deutschen Stadtwerken befragt. Ergänzt wird die Befragung durch Tiefeninterviews mit Branchenvertretern sowie unter anderem mit dem Grünen­ Chef Robert Habeck und dem FDP ­Vize Wolfgang Kubicki, die die Ergebnisse einordnen und die Kritik der Befragten aus eigener Anschauung untermauern.

Chance oder Risiko?

Die positive Nachricht vorweg: 72 Prozent der Teilnehmer sehen die Auswirkungen der Energiewende heute als Chance für ihr eigenes Unternehmen, nur 26 Prozent bewerten sie als Risiko – die Grundstimmung ist damit deutlich positiver als noch bei der ersten Stadtwerke-Studie dieser Zeitung, die im Jahr 2017 erschienen ist. Damals hatten 46 Prozent der Befragten mit „eher als Chance“ geantwortet und 43 Prozent mit „eher als Risiko“, wobei die Formulierung der Fragestellung für die neue Erhebung leicht angepasst wurde.

Neue Möglichkeiten

„Das positive Gesamtbild deutet darauf hin, dass die Stadtwerke­Chefs sich mittlerweile vertieft mit der Energiewende beschäftigt haben und neue Ideen entwickeln“, sagt André Horn, Leiter des Branchencenters Energiewirtschaft bei BDO. Diese Interpretation unterstreichen die offenen Antworten, mit denen die Befragten ihre Einschätzung begründen konnten. Fast jeder Zweite, der die Energiewende als Chancebegreift, verweist hier auf die Möglichkeit, neue Geschäftsfelder zu erschließen bzw. neue Produkte zu entwickeln. „Diese Quote zeigt, dass sich zum Teil auch kleinere Betriebe in kleineren Losgrößen zutrauen, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten“, schlussfolgert Michael Spahn, Head of Public Sector Germany bei der ING. „Auf der anderen Seite nehmen wir bei kleineren Stadtwerken mitunter auch existentielle Ängste wahr: Die Energiewende hat sie in ihren Grundfesten erschüttert, die Angst vor Fehlinvestitionen ist enorm.“

Konzepte Fehlanzeige

Geht es in die Details der Umsetzung, schlägt die Stimmung allerdings flächendeckend um: 76 Prozent der Befragten vermissen durchdachte politische Konzepte für die Energiewende, 71 Prozent kritisieren, dass der Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien die aktuellen Probleme im Bereich der Erzeugung verschärfe (siehe Grafik oben links). Demgegenüber bestätigt jeweils nur eine Minderheit, dass die aktuelle Regulierung Anreize für Investitionen biete (40 Prozent) bzw. Investitionssicherheit schaffe (24 Prozent). Die Regulatorik hemmt allerdings nicht nur im Bestands­, sondern auch im Neugeschäft: Zwei Drittel der Befragten geben an, dass die gegenwärtigen Rahmenbedingungen aus Sicht ihres Unternehmens nicht ausreichten, um die Entwicklung von Innovationen voranzutreiben.

Was aber würde Abhilfe schaffen? Aus Sicht der Stadtwerke­Chefs ist dies vorrangig der Abbau hinderlicher regulatorischer Vorschriften (89 Prozent). Wünschenswert wären für die Befragten darüber hinaus besonders ein Ausbau von Förderprogrammen (82 Prozent), eine Öffnung der Möglichkeiten der kommunalrechtlich zulässigen Betätigung (73 Prozent) sowie eine fiskalische Gleichbehandlung von Energieversorgungsmodellen und Energiedienstleistungen (71 Prozent). Ebenfalls einen hohen Stellenwert hat der Wunsch nach mehr Technologieoffenheit in der Ordnungspolitik (70 Prozent), siehe Grafik unten links.

„Die Stadtwerke würden viel gewinnen, wenn Vorschriften, die derzeit zum Beispiel Geschäftsmodelle mit Speichern behindern, gezielt abgebaut würden. Die Regelungsdichte ist gerade durch das EEG und die Energiesteuern sehr hoch und teilweise komplex“, gibt BDO­Partner Horn zu bedenken. Zudem könne man sich fragen, ob die Grenzen der kommunalrechtlich zulässigen Betätigung noch zeitgemäß seien und man durch diese Grenzen den Stadtwerken nicht wichtige Entwicklungsmöglichkeiten raube.

Trendthema E-Mobility

Welches aber sind aus Sicht der Stadtwerke­ Chefs die vielversprechendsten Maßnahmen, um ihre Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen? Längst steht fest, dass sich das Verständnis der Daseinsvorsorge wandelt und die Versorger der Zukunft weit über ihr angestammtes Geschäft in den Kernbereichen Strom, Wasser, Wärme, Gas hinausgehen müssen, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Ganz oben auf der Prioritätenliste für die Zukunft rangiert das Thema E­Mobility (72 Prozent, siehe Grafik oben). Während 44 Prozent der Stadtwerke laut dieser Befragung hier heute schon aktiv sind, gibt es einen noch mal deutlich größeren Teil, der in der Zukunft auf die Bereitstellung von Ladeinfrastruktur setzen wird.

Ebenfalls im Fokus der meisten Stadtwerke stehen die dezentrale Energieversorgung/Quartiersversorgung (69 Prozent), der Ausbau von Energiedienstleistungen (64 Prozent) sowie der Breitbandausbau (57 Prozent) und – für 51 Prozent – Beratungsdienstleistungen. Von untergeordneter Bedeutung dagegen sind Smart Metering (36 Prozent), die Zusammenarbeit mit Prosumern (24 Prozent) sowie die Nutzung von Big Data und Blockchain (20 bzw. 13 Prozent). Dass mit Big Data und Blockchain zwei sonst häufig als „Megatrends“ bezeichnete Felder für die Stadtwerke ­Chefs nur eine untergeordnete Rolle spielen, überrascht Michael Spahn von der ING: „Wenn die Ladeinfrastruktur als so wichtig betrachtet wird, müssten die Teilnehmer logischerweise auch die Bedeutung der Analysetools hervorheben. Dass sie dies nicht tun, zeigt, dass Stadtwerke viele Themen offenbar noch nicht in der Tiefe analysiert haben.“ //

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