„Der Neue Kämmerer“ Zeitung – Titelthema

Ausgabe 03/2020

Corona und die Kultur

Die Pandemie verändert unsere Kommunen. Müssen ihre Konzepte überdacht werden?

Die Sensation ist perfekt“ – freute sich Albstadt 2017 über den Zuschlag für die Mountain Bike Weltmeisterschaft 2020 in der olympischen Disziplin „Cross-Country“. Doch es kam ganz anders, aus dem Rennen der Mountainbike-Weltelite vom 26. bis 28. Juni im schwäbischen Albstadt-Tailfin¬gen wurde Corona-bedingt nichts. Albstadt ist unter Mountainbikern eine bekannte Größe. Bereits seit dem Jahr 2013 macht in der 46.000-Einwohner-Stadt im süd¬lichen Baden-Württemberg jährlich eines von weltweit sechs Weltcuprennen Station. Doch statt spannender Wettkämpfe bleibt nach der Ende April offiziell verkündeten Absage für die Stadt und Kämmerer Gerd Pannewitz nur, den Berg an bereits aufgelaufenen Kosten möglichst klein zu halten.

Dass sich sportliche und kulturelle Veran¬staltungen trotz hoher Kosten für die Kom¬munen normalerweise doch lohnen, zeigt das Konzept der Umwegrentabilität. Ihr zufolge tragen kommunale Investitionen in Theater, Schwimmbäder und Sportveranstaltungen zur Prosperität einer Stadt oder Region bei, auch wenn die Einrichtungen selbst keine schwar¬zen Zahlen erwirtschaften. Insgesamt hatte Kämmerer Pannewitz für die WM Ausgaben in Höhe von 1,5 Millionen Euro veranschlagt, auf mindestens 600.000 bis 700.000 Euro davon wird die Kommune hochwahrscheinlich sitzen bleiben – ohne jegliche Einnahmen.

So wie Albstadt geht es derzeit vielen Kommunen und ihren Kämmerern. Allerorten mussten sie seit dem Corona-Lockdown Mitte März Veranstaltungen absagen. Den gesamten finanziellen Schaden werden diese Absagen wahrscheinlich erst mittel- bis langfristig zei¬gen. Doch die Coronakrise wirft bereits jetzt, wie in Albstadt, ein Schlaglicht darauf, welchen Stellenwert Kulturveranstaltungen jeglicher Art – über den reinen wirtschaftlichen Aspekt hi¬naus – für die Städte tatsächlich haben.

Etliche Studien untermauern den Stellenwert der Umwegrentabilität als stra¬tegisches Konzept für Kommunen. Zumeist beziehen sich diese Studien auf einzelne Ver¬anstaltungen, so dass es schwierig ist, dar¬aus allgemeingültige Rückschlüsse zu ziehen. Doch sie zeigen auch, dass die Umwegrenta¬bilität kein theoretisches Hirngespinst ist. Bei¬spiele gibt das im März 2019 vom Deutschen Musikinformationszentrum (MIZ) herausge¬gebene Buch „Festspiele und Musikfestivals“. Darin zeigt der frühere Intendant des Bon¬ner Beethovenfestes, Franz Willnauer, unter anderem, dass für jeden Euro städtischen Zuschusses 4,15 Euro an die Unternehmen der Region fließen. Allein die Rückflüsse aus dem Beethovenfest würden sich auf mehr als 2,5 Millionen Euro summieren und den städtischen Zuschuss von rund 1,2 Millionen Euro „in doppelter Höhe ‚zurückerstatten‘“.

Zwar kann Albstadts Kämmerer Pannewitz im Fall der Mountainbike-WM die Effekte der Umwegrentabilität nicht exakt beziffern. „Im Stadtsäckel sehe ich ohnehin wenige direkte Einnahmen aus solchen Sportveranstaltungen“, sagt der Kämmerer. Doch nicht direkt in Summen messbar sei die Wertschätzung, die die Menschen der WM und dem sons¬tigen sportlichen und kulturellen Angebot entgegenbrächten.

Für eine genaue Prognose der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie ist es noch zu früh. Diese Einschätzung teilt auch Christian Schuchardt, Oberbürgermeister von Würzburg: „Derzeit kann niemand die Folgen beziffern.“ Wie wird es für die Städte weiter gehen, wenn der Kulturbetrieb nach der Pandemie nicht mehr so einfach nachwächst?

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