„Der Neue Kämmerer“ Zeitung – Titelthema

Ausgabe 01/2019

Schöne neue Welt

Der Fintechmarkt für Kommunalfinanzierung: Modeerscheinung oder nächste Evolutionsstufe?

Wo steht der Markt für digitale Kommunalfinanzierungen? Bisher wagen sich weder Anbieter noch Nutzer aus der Deckung. Aber: Dass es zu einer Konsolidierung kommen wird, bezweifelt niemand. Und die dürfte – fast geräuschlos – schon begonnen haben.

Ian Sharp war im Jahr 1979 felsenfest überzeugt: „E-Mail ist ein Produkt, das man absolut nicht verkaufen kann.“ Die- se legendäre Fehlprognose ist in die jüngere IT-Geschichte eingegangen, denn ihr Urheber war nicht irgendjemand, sondern ein damals anerkannter Programmierer, der mit seinem eigenen IT-Unternehmen Sharp Associates ziemlich erfolgreich im Geschäft war. Zu Sharps Ehrenrettung muss man sagen: Die Liste unterschätzter Technologien ist lang, und sie verdeutlicht, wie schwierig es für die menschliche Natur ist, eine Entwicklung sicher als entweder disruptiv oder aber völlig irrelevant zu beurteilen.

An einer solchen Entwicklungsschwelle bewegt sich derzeit auch das Kommunalfinanzierungsgeschäft. Im Sog des Megathemas Digitalisierung hat es sich eine ganze Reihe von Anbietern zur Aufgabe gemacht, die analogen Ausschreibungsprozesse durch die digitale Vermittlung abzulösen – angefangen bei der Aufnahme von Kommunalkrediten.

Die Technologie der Zukunft oder nur eine vorübergehende Erscheinung? Mittlerweile ist es rund drei Jahre her, dass in Deutschland die ersten Fintechs als Plattformanbieter (auch) für die öffentliche Hand in Erscheinung getreten sind. Aber bis heute ist der Markt ein Markt ohne Zahlen. Fragt man nach konkreten Transaktionen oder finanzierten Volumina, halten sich die Fintechs bedeckt. Fast keiner möchte vorpreschen und sich mit schonungsloser Trans- parenz exponieren. Mit einer Ausnahme: Komuno, das Joint Venture von Helaba Digital und Lucht Probst Associates, als letzte der einschlägigen Plattformen im September 2018 an den Start gegangen: „Seitdem sind zwei Transaktionen über Komuno gelaufen, in beiden Fällen Kassenkredit- refinanzierungen über 10 Millionen Euro“, berichtet Geschäftsführer Robert Wassmer.

Komuno fällt gemeinsam mit dem eben- falls 2018 gestarteten Anbieter Capveriant heraus aus der Reihe der klassischen Startups, die das Plattformgeschäft für sich entdeckt haben – hinter Capveriant steht die Deutsche Pfandbriefbank. Beide Anbieter betonen aber mit Nachdruck die „Chinese Walls“ zwischen ihnen und ihren großen Anteilseignern. „Wir hätten bei anderen auch kritisch gefragt, welchen Wettbewerbsvorteil sie aus ihrer Plattform ziehen“, sagt Christoph Wolff, Teamleiter Zielkundenmanagement Öffentliche Hand/Kommunalnahe Unternehmen bei der Helaba, offen. Wolff gilt bei der Landesbank als einer der Väter von Komuno, hat heute mit deren Tagesgeschäft aber nichts zu tun. Die Helaba trete zwar auf Komuno als Kreditgeber auf, habe aber exakt die gleichen Möglichkeiten und Rechte wie alle anderen Kreditanbieter auch. Bei Capveriant dagegen sieht die Sache anders aus: Die Pfandbriefbank klammert sich selbst aus dem Kreis potentieller Investoren aus.

Aber auch die Konkurrenz steht heute in den meisten Fällen nicht mehr ganz ohne prominente Unterstützung da: Commnex pflegt eine strategische Partnerschaft mit der Ham- ÖPNV zum Nulltarif gegen den Kollaps Verkehrswende in Pfaffenhofen an der Ilm: Die Stadt mit der höchsten Kfz-Dichte Deutschlands setzt jetzt komplett auf kostenlosen ÖPNV. Seite 10 burger Börse, und an der jüngsten Finanzierungsrunde des ursprünglich in der Schweiz gestarteten Unternehmens Loanboox hat sich die Deutsche Kreditbank (DKB) beteiligt – das ändere aber nichts an der Unabhängigkeit von Loanboox, betont Deutschland-Geschäftsführer Andreas Franke. „Die DKB ist einer von vielen Kreditgebern.“

Wie aber sehen die Kommunen den Markt? In anonymen Umfragen bekunden Kämmerer immer wieder Interesse an Plattformen – so auch im vergangenen DNK-Panel. Im Mai 2018 konnte sich in Kommunen mit über 20.000 Einwohnern jeweils eine leichte Mehrheit vorstellen, onlinegestützt Kredite aufzunehmen. Sowohl der Deutsche Städtetag als auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund bestätigen allerdings, dass von ihren Mitgliedern keinerlei Anfragen zu Finanzierungsplattformen kommen.

Ambivalentes Bild

Ein ambivalentes Bild, das darauf hindeutet, dass viele der potentiellen Nutzer momentan noch im passiven Beobachtungsmodus sind. Das gilt zum Beispiel für die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. „Wir haben bei einer Plattform einen Testzugang, aber noch nichts angefragt“, sagt Markus Zey, der das Finanzierungs- und Liquiditätsmanagement in Wiesbaden leitet. Grundsätzlich sei die Kämmerei in Wiesbaden Fintechs gegenüber aufgeschlossen, betont er – macht aber auch keinen Hehl aus einer gewissen Vorsicht: „Natürlich waren schon alle hier, um ihre Produkte vorzustellen. Ich hatte aber zum Teil das Gefühl, dass sie vor allem von uns erfahren wollen, wie sie ihre Schwächen beheben können. Das hat uns skeptisch gemacht.“ Einer der Betreiber habe im ersten Gespräch nicht einmal gewusst, was ein Schuldschein sei.

Auch beim Deutschen Städtetag hält sich die Überraschung über eine gewisse Zurückhaltung in den Kämmereien in Grenzen. Ein Grund sei, dass die Kommunalpolitik beim Kredit- und Schuldenmanagement nach Themen wie Sale-and-Leaseback-Finanzierungen und Derivategeschäften gewisse Sensibilitäten entwickelt habe. Eine Reihe von Kommunen habe in den vergangenen Jahren viel Lehrgeld bezahlt, daher würden Neuerungen besonders kritisch hinterfragt.

Von Anfang an wenige Berührungsängste hatte dagegen die Wriezener Kämmerin Angelika Kerstenski. Sie habe den Markt aufmerksam beobachtet und sei auch in ih- rer ehemaligen Funktion als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Finanz-, Kassen- und Rechnungsbeamten (BAG-KOMM) immer wieder von den Plattformen angesprochen worden, berichtet sie. Als die Stadt 1 Million Euro für den Bau einer Kindertagesstätte benötigte, wandte sie sich an Capveriant. Fast ein halbes Jahr nach der erfolgreichen Transaktion, bei der am Ende die Investitionsbank des Landes Brandenburg den Zuschlag bekam, ist Kerstenski immer noch begeistert: „Die gesamte Zusammenarbeit war toll. Und wir als Kommune haben mit unserer Ausschreibung sowohl überregionale Kreditgeber als auch ganz neue Investorengruppen erreicht. Da können vor allem kleinere und mittlere Städte wirklich profitieren.“

Nicht so Wiesbaden. Zey: „Wir haben ein breites Bankenportfolio, das alle Produkte abbilden kann und mit dem wir uneingeschränkt kommunizieren können. In dieser Hinsicht bietet eine Plattform für uns im Moment keinen Mehrwert.“ Ein Aspekt, der auch den Anbietern durchaus bewusst ist. „Große Kommunen verfügen in der Regel über einen breiten Marktzugang. Wir sind allerdings überzeugt, dass Plattformen für die Mehrheit der über 12.000 Kommunen in Deutschland deutliche Vorteile bieten“, betont Capveriant-Geschäftsführer Michael Spiegel.

Was ist nun der echte Mehrwert, den die Betreiber Kämmerern liefern wollen? Effizienzgewinne, wie sie als Effekt jedweder Form der Digitalisierung gemeinhin erwartet werden? Zumindest ist das Thema Effizienz eines, mit dem viele Anbieter gestartet sind. Bei Kommunen, die regelmäßig ausschreiben, läuft dieser Prozess aber ohnehin fast auf Knopfdruck. Die Vorteile entstünden allerdings im nächsten Verfahrensschritt, sagt Andreas Franke von Loanboox: „Aufwand sparen die Kommunen eher beim Rücklauf. Sie müssen die Angebote nicht mehr per Hand sortieren.“ Auch Komuno-Geschäftsführerin Susan Niederhöfer verweist darauf, dass Kommunen über die Plattform die Angebote besser vergleichen könnten und zudem eine revisionssichere Abschlussdokumentation erhielten – aber: „Wie viel Arbeit sie damit sparen, kann man noch nicht quantifizieren. Da fehlen die Erfahrungswerte.“

Was aber macht dann den Unterschied? Der Preis? Auch hier hängt die Antwort stark davon ab, wem man die Frage stellt. Während viele Kämmerer und Banken kein generelles Sparpotential erkennen können, macht am Ende wohl wie so oft der Einzelfall den Unterschied. Angelika Kerstenski jedenfalls ist überzeugt, dass sie mit einer herkömmlichen Ausschreibung zu schlechteren Konditionen abgeschlossen hätte. Große Differenzierungsmöglichkeiten haben die Anbieter hier ohnehin nicht: Die Regel ist eine Gebühr von 1 Basispunkt, niemand möchte den anderen mit Kampfpreisen und somit offenem Visier gegenübertreten.

Große Erwartungen

Während die meisten Betreiber in den vergangenen Monaten ordentlich die Werbetrommel gerührt haben, ist es um einen Anbieter der ersten Stunde ruhiger geworden: das Unternehmen Firstwire, das 2016 mit der Stadt Essen die erste bekanntgewordene Kommunalfinanzierung auf Plattformbasis abgewickelt hat. „Wir betreiben das Kommunalgeschäft seit zweieinhalb Jahren. Alle hereinkommenden Ausschreibungen werden in sehr effizienten Prozessen digitalisiert auf die Plattform überführt“, stellt Geschäftsführer Jens Michael Otte klar. Der Fokus liege jedoch auf der Privatwirtschaft sowie kommunalen Unternehmen – Letztere müssten nicht ausschreiben, und da sei der Markt bei Laufzeiten zwischen zehn und 20 Jahren sehr aktiv.

Die anderen Plattformbetreiber dagegen setzen große Erwartungen in das Kommunalgeschäft, sind sich aber durchaus bewusst, dass sich allein durch Kredit- oder Anlagenvermittlung niemand dauerhaft am Markt und bei den dringend benötigten Investoren behaupten dürfte. Jean Christophe, gemeinsam mit Michael Spiegel Geschäftsführer bei Capveriant, setzt auf zusätzliche Services: „Wir wollen mit Dienstleistungen wie Standardverträgen und mit einer persönlichen Betreuung der Nutzer neue Kommunen und Investoren gewinnen. Außerdem wollen wir den Kämmerern relevante Informationen wie zum Beispiel Marktdaten zur Verfügung stellen.“

Der Wettbewerber Komuno verfügt schon heute über eine Schnittstelle zum S-Kompass-System der Sparkassen-Finanzgruppe, und wenn es nach Christoph Wolff geht, soll noch mehr dazukommen: „Ziel ist, in die Prozessketten reinzugehen, und die vor- und nachgelagerten Schritte auf Seiten der Kommunen und der Kreditanbieter ebenfalls zu vereinfachen.“ Die Helaba-Ausgründung könnte hier naturgemäß von ihrer Gesellschafterin profitieren – aber auch die klassischen Fintechs am Markt haben ein Pfund, mit dem sie wuchern: ihre Unabhängigkeit in der Gesellschafterstruktur. „Die Unabhängigkeit von Commnex ist unser Asset, sowohl von Bank- als auch von Kommunalseite, und unsere Stellung als objektiver und transparenter Handelsplatz. Das wollen wir mit der Auswahl unserer Partner auch weiter gewährleisten“, sagt Carl von Ha- lem von Commnex.

Prognosen, welche und wie viele der Anbieter am Ende das Rennen machen werden, gibt es viele – offiziell aber ist das Rennen offen. Klar scheint im Moment nur eines: Es wird eine Konsolidierung geben. Nur setzt die voraus, dass sich mehr Kommunen aus der Deckung wagen. Denn heute berichten noch viele Kämmerer hinter vorgehaltener Hand von der Befürchtung, als First Mover auf das falsche Pferd zu setzen. Was, wenn man sich jetzt auf einen Anbieter konzentriert, und der stellt in ein oder zwei Jahren sein Geschäft ein? Kann man dann noch erhobenen Hauptes bei seiner Hausbank durch die Tür gehen? Angelika Kerstenski versteht diese Sorgen nicht: „Ich habe bei der Ausschreibung auch meine Hausbanken adressiert, und sie haben sich auch beteiligt. Sie haben mich schon gefragt, wie die Ausschreibung über Capveriant zustande kam. Aber sie kennen mich auch alle und wissen, dass ich gerne neue Dinge ausprobiere.“

Markus Zey indes möchte lieber abwarten: „Ich glaube, am Ende wird sich nur eine Plattform durchsetzen. Auch das ist ein Grund, warum wir uns das erst einmal anschauen. Wir werden definitiv nicht die Ersten sein, und ich sehe unseren Einstieg auch noch nicht für 2019.“ Für ihn ist aber klar: Ohne die Banken aus dem bisherigen Portfolio geht es nicht. Erst, wenn das Gros der Akteure auf einer Plattform versammelt wäre, würde es sich lohnen, meint der Wiesbadener. So lange das nicht der Fall sei, müsse man ohnehin auch weiter parallel über Fax ausschreiben.

Ebenso zurückhaltend gerieren sich derzeit noch viele Banken. „Auch wir schauen erst einmal, wer sich herauskristallisiert“, sagt Markus Krampe, Bereichsleiter Öffent- liche Kunden bei der DZ HYP. Das Kreditinstitut steht mit dieser Haltung nicht alleine da, bestätigen die Commnex-Gründer: „Viele große Marktteilnehmer beobachten im Moment noch. Nach einem zögerlichen Start setzen sich jetzt aber immer mehr in Bewegung, und es entsteht eine echte Dynamik hin zur digitalen Lösung“, sagt Friedrich von Jagow.

Geschäft ohne Beratung?

Es sind aber nicht nur die Mikrobedingungen, die den Plattformmarkt für die öffentliche Hand bestimmen. Der Gesamtmarkt hat die Macht, den kompletten Fintechsektor aufzuwirbeln. Denn: Aktuell haben viele Kommunen angesichts der großen Liquidität im Kreditmarkt überhaupt kein Bedürfnis, sich nach Alternativen zu bisherigen Finanzierungswegen umzusehen. „Die Margen entwickeln sich weiter stetig nach unten, weil im Moment so viele Anbieter gleichzeitig im Markt sind“, sagt Jan Kastenschmidt, Leiter Kommunale Kunden bei der NordLB. „Auch die Landesbanken haben sich größtenteils lange zurückgehalten und auf ihr Kerngeschäftsgebiet konzentriert, jetzt sind alle Marktteilnehmer wieder in allen Bundesländern unterwegs – und das bei für Kommunen ohnehin schon optimalen Marktbedingungen.“ Auch die Politik könnte dafür sorgen, dass das Angebot die Nachfrage bald noch einmal deutlicher übersteigt: Werde die Altschuldenproblematik endlich gelöst, sei das Thema auch vom Volumen her reduziert, prognostiziert der Deutsche Städtetag. Der Verband schließt aber zugleich nicht aus, dass das Pendel auch in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen könnte: Wenn sich der Markt drehe und die Zinsen wieder stiegen, könnten institutionelle Investoren wieder abwandern, weil sie im risikolosen Kommunalgeschäft zu wenig verdienten.

Auch die Leverage-Ratio könnte schließlich weitere Finanzierer dazu zwingen, das Kommunalgeschäft aufzugeben. Besonders Plattformen mit internationalen Investoren könnten dann Rückenwind bekommen. Egal ob eine echte Kreditklemme oder aber irgendwann echte Effizienzgewinne den Plattformgedanken in der kommunalen Familie fest verankern werden: Ist das Finanzierungsgeschäft als reines Plattformgeschäft ohne persönliche Beratung überhaupt denkbar? „Wenn die individuellen kommunalen Anforderungen berücksichtigt werden sollen, entsteht automatisch Beratungsbedarf. Dann ist ein reines Plattformgeschäft eher schwierig. Dies wäre nur möglich, wenn man ausschließlich auf die Struktur des einzelnen Darlehens schaut. Aber ist es das, was die Kämmereien wollen?“, fragt Markus Krampe.

Das ist zwar nicht auszuschließen – aber im Moment noch kaum vorstellbar. „Vielleicht ereilt den Plattformmarkt auch ein ähnliches Schicksal wie viele technische Neuerungen“, sagt Markus Zey: „Am Anfang wird eine neue Entwicklung von einem Hype begleitet, der sich aber schnell überholen kann.“ Oder aber die Plattformen werden eine Instanz werden wie die E-Mail es seit vielen Jahren ist. Und in einigen Jahren wird jemand diesen Artikel mit all seinen Bedenken aus dem Jahr 2019 lesen und sich fragen, wie die öffentliche Hand jemals auch nur ansatzweise daran zweifeln konnte, dass diese Technologie einmal zum Goldstandard der Kommunalfinanzierung werden würde.

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