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28.08.19
Haushalt

Forscher: Illusion „gleichwertige Lebensverhältnisse“ aufgeben

Eine Studie zeigt, welche Teilhabechancen die Landkreise deutschlandweit bieten. Dabei klaffen Realität und die Wahrnehmung der Bewohner oft auseinander. Daher fordern die Autoren, dass das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse aufgegeben werden sollte.

Wie gut die Menschen in Deutschland am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, hängt zu einem guten Teil davon ab, wo sie wohnen. Doch für die subjektiv empfundene Lebensqualität sind nicht nur harte Fakten wie gute Infrastruktur oder schnelles Internet verantwortlich.

Das ist das Ergebnis des sogenannten Teilhabeatlas, einer Studie des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung. Sie untersucht, welche gesellschaftlichen Teilhabechancen die 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte ihren Bewohnern bieten. Gemessen wurde die Teilhabe anhand einer Reihe von Indikatoren wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Höhe der Einkommen, der Verfügbarkeit schneller Internetzugänge oder der Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen.

Besonders gute Chancen in Baden-Württemberg und Bayern

Laut Teilhabeatlas gliedert sich die Republik in sechs Bereiche, die sich in ihren Rahmenbedingungen ähneln: drei städtische und drei ländliche Cluster mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen. „Besonders gut sind die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Nördlich davon bieten nur vereinzelte Regionen ihren Bewohnern vergleichbare Teilhabechancen, im Osten lediglich der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald.“ Schlechtere Chancen im Westen Deutschlands haben der Studie zufolge vor allem Menschen im Ruhrgebiet, im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Doch die Studie untersuchte auch, wie die Menschen diese tatsächlichen Lebensbedingungen wahrnehmen. Um die gefühlten Teilhabechancen mit den erhobenen Daten abzugleichen, sind die Studienautoren in 15 Regionen aus allen sechs Clustern gereist und haben insgesamt fast 300 Einzelinterviews und Gruppengespräche mit den Menschen vor Ort geführt.

Haben Bewohner das Gefühl, dass sich ihre Region positiv entwickelt, schätzen sie ihre persönliche Lage eher optimistisch ein. Umgekehrt äußerten Befragte das Gefühl, abgehängt zu sein, wo sie den Niedergang als chronisch erleben und wenig Perspektiven sehen. Dabei seien es oft Veränderungen im unmittelbaren Umfeld, welche die Einschätzung prägen: Wenn der Dorfladen schließt oder das Krankenhaus auf der Kippe steht, empfinden viele dies als problematisch – selbst wenn sich die Region als Ganze positiv entwickelt.

Gleichwertige Lebensverhältnisse sind eine Illusion

Wie DNK berichtete, hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer im Juli die Ergebnisse der von ihm eingesetzten Kommission gleichwertige Lebensverhältnisse vorgestellt. Neben der Altschuldenproblematik thematisiert der Bericht weitere Politikfelder wie den Breitbandausbau, die Städtebauförderung, die Kita-Betreuung sowie die Wirtschaftsförderung.

Erklärtes Ziel der Bundesregierung sei, für gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilen des Landes zu sorgen. „Sie hat allerdings bis heute nicht definiert, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte“, sagt Klingholz. Das mache es nahezu unmöglich, ungleichwertige Lebensverhältnisse zu benennen, geschweige denn, Gleichwertigkeit herzustellen.

Ohnehin entwickelten sich die Regionen wirtschaftlich und demografisch sehr unterschiedlich und brächten daher grundlegend verschiedene Voraussetzungen mit. „Mit dem Versprechen von Gleichwertigkeit weckt die Politik Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann“, so Klingholz: „Dies führt unweigerlich zu Enttäuschungen und weiteren Frustrationen.“ Stattdessen solle sie die Realität anerkennen und ihre eigenen Möglichkeiten nüchtern einschätzen. Aufgrund der Vielfalt der Lebensbedingungen müsse sie nach Lösungen suchen, die sich an den jeweiligen regionalen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientieren, um den Menschen überall im Land eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

ak.meves(*)derneuekaemmerer(.)de