Wieso die Schweizer Agentur I-CV die Greensill Bank schon 2019 als Ramsch einstufte, erklärt Partner Christian Fischer im Gespräch.

Thomas Entzeroth

08.04.21
Recht & Steuern

Greensill: „Schon 2019 eindeutige Mängel entdeckt“

Die Schweizer Agentur Independent Credit View (I-CV) hat die Greensill Bank bereits 2019 als Ramsch bewertet – bei Scope stand Greensill da noch bei A-. Wieso bei I-CV die Alarmglocken schon damals schrillten, erklärt Partner Christian Fischer im Interview.

Herr Fischer, unterscheidet sich Ihre Herangehensweise bei Ratings von der anderer Ratingagenturen?
Es gibt natürlich von Agentur zu Agentur unterschiedliche Gewichtungen der Kennzahlen, aber wir schauen alle auf ähnliche Faktoren und arbeiten mit vergleichbaren Modellen. Den wesentliche Unterschied stellt unser Geschäftsmodell dar: Es mag banal klingen, aber bei uns gibt es keine Interessenkonflikte. Wir vertreten ausschließlich die Investorenseite und werden auch von dieser bezahlt. Wir agieren nicht für die Emittenten und müssen deshalb auch keine wohlwollenden Ratings veröffentlichen, um den Kunden zufriedenzustellen. Unsere Unabhängigkeit gibt uns die Möglichkeit, kritischer zu hinterfragen und unsere Meinung ehrlicher kundzutun.

Sie haben die Greensill Bank im Jahr 2019 mit BB- und damit als Non-Investmentgrade bewertet, zu diesem Zeitpunkt ratete Scope Greensill mit A-, also deutlich im Investmentgrade.
Zunächst: Wir kennen das genaue Vorgehen von Scope bei der Ratingvergabe nicht, das ist nicht öffentlich. Als wir im Sommer 2019 den Auftrag einer deutschen Kommune bekommen haben, die Greensill Bank für ein längerfristiges Festgeld zu analysieren, hatte die Bank eine harte Kernkapitalquote von 19,7 Prozent und praktisch keine Problemkredite. In den letzten vor dem Zusammenbruch veröffentlichten Finanzberichten betrug die Kernkapitalquote sogar 56 Prozent, die Problemkreditquote 1,2 Prozent, und die Bank war profitabel. Mit einem rein quantitativen Modell konnte man also den Schluss ziehen, dass alles passt. Wir arbeiten aber mit einem vierstufigen Prozess; die quantitative, retrospektive Betrachtung macht nur die erste Stufe aus.

Was prüfen Sie auf den drei weiteren Stufen?
Im zweiten Schritt werten wir Marktsignale aus, zum Beispiel die Entwicklung von Risikoprämien und die Bewegung von Aktienkursen. Die übrigen Phasen beschäftigen sich mit dann mit qualitativen Aspekten: Im dritten Schritt untersuchen wir die Qualität und Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells, und da haben wir bei der Greensill Bank eindeutige Mängel entdeckt.

Welche waren das?
Wir haben schnell festgestellt, dass die Greensill Bank eine relativ kleine Bank ist, die unter anderem den Aufbau einer Flotte von Privatflugzeugen finanziert (Anm. d. Red.: Ab 2015 hat die deutsche Greensill mutmaßlich drei Privatjets gekauft und diese einem anderen Unternehmen aus dem Greensill-Konglomerat mit Sitz auf der britischen Isle of Man überlassen). Auch laut ihrem Geschäftsbericht hatte die Bank offiziell nur einen Kunden: Die Greensill-Gruppe, deren Geschäfte sie refinanzierte. Wir hatten es also mit einer kleinen Bank mit einem einseitigen Geschäftsmodell und nur einem einzigen Kunden zu tun. Ihr großer Vorteil allerdings war, dass sie sich als Mitglied der freiwilligen Einlagensicherung Zugang zu den Leistungsbilanzüberschüssen in Deutschland gesichert hat. Damit hatte Greensill einen Zugang zu günstiger Refinanzierung erschlossen.

Sie haben vorhin von insgesamt vier Stufen gesprochen. Was analysieren Sie abschließend auf der letzten Stufe?
Hier schauen wir uns bestimmte Softfaktoren an, etwa Corporate-Governance-Themen, die die Gesellschafterstruktur betreffen. Die Gesellschafter sind unter anderem der Gründer Lex Greensill und der indische Stahlmagnat Sanjeev Gupta, der zuletzt auch Negativschlagzeilen gemacht hat, weil er über sein Firmenimperium in Großbritannien 400 Millionen Pfund an Notkrediten erhalten hat – anstatt der für Unternehmen vorgesehenen Hilfen von 50 Millionen Pfund. Im Gesellschaftergeflecht gab es viele fragwürdige Verbindungen: Gupta saß zum Beispiel im Vorstand der australischen Greensill, ein Aufsichtsratsmitglied von Greensill war zudem auch Mitglied im Beirat der Scope-Gruppe. Ich gehe zwar davon aus, dass die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht oder die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde dieses Mandat überprüft haben. Trotzdem stolpert man über solche Verflechtungen. Eine weitere Sache, die uns schon 2019 stutzig gemacht hat, war ein Beziehungsdreieck zwischen Greensill, Gupta, und dem Schweizer Asset Manager GAM. GAM geriet damals wegen seiner Verbindungen zu Greensill und Gupta in eine schwere Krise und musste einen Fonds über 12 Milliarden US-Dollar schließen, der Vertrauensverlust war enorm. Dieser Fall war damals übrigens auch groß in der Schweizer Presse.

Scope hat die Greensill Bank im September 2020 von A- auf BBB+ herabgestuft. Hat sich Ihre Ratingeinschätzung seit 2019 noch einmal verändert?
Nein, wir haben Greensill nach 2019 nicht mehr angeschaut. Die Kommune, die uns damals beauftragt hat, hat aufgrund unserer Vorbehalte nicht investiert. Es gab dann keine weiteren Interessenten mehr, weshalb wir Greensill nicht mehr in unserer Abdeckung hatten.

Was glauben Sie: Warum ist das Greensill-Imperium am Ende zusammengebrochen?
Am Ende haben die Warenkreditversicherer die Gruppe zu Fall gebracht. Schon im Sommer 2020 hat ein großer Versicherer Greensill mitgeteilt, dass er die Risiken nicht mehr in der bisherigen Höhe versichern könne und die Versicherung zum 1. März auslaufen lassen. Auf welchen Informationen diese Entscheidungen beruhten, wissen wir im Moment nicht. Man munkelt, dass Limiten überschritten worden seien.

Wie sehen Sie die Rolle der betroffenen Kommunen: Sind diese sehenden Auges ein unkalkulierbares Risiko eingegangen oder Leidtragende eines Systems, in dem sie bei der Abwägung zwischen der Sicherheit und dem Ertrag ihrer Anlagen eigentlich nur Fehler machen können?
Wie sagt man so schön: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich glaube, es wäre falsch, Kämmerer pauschal zu verurteilen, sie haben schließlich keine Ausbildung als Kreditanalysten. Und so offensichtlich waren die Mängel ja nicht. Ein bisschen Kritik ist aber durchaus angebracht: Wir sehen nirgendwo einen so starken Fokus auf das Inland wie bei deutschen Anlegern. Der Glaube an das System der Einlagensicherung ist gewaltig. Wieso endet das Anlageuniversum, anders als die wirtschaftlichen Beziehungen, an der deutschen Grenze? In Europa gibt es viele Alternativen und Opportunitäten und damit Möglichkeiten, das Anlagemanagement zu optimieren. Wir sind der Meinung, dass eine solche Ausweitung des Anlageuniversums auch mit den bestehenden Grundsätzen und Empfehlungen der jeweiligen Innenministerien vereinbar ist.

s.doebeling(*)derneuekaemmerer(.)de

 

 

Christian Fischer ist Senior Partner der Independent Credit View AG (I-CV) mit Sitz in Zürich. Die I-CV ist im deutschsprachigen Raum aktiv und analysiert Kapitalmarktschuldner im Auftrag institutioneller Investoren.

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