Haushaltsplanung zwischen Sparzwang und Eigenverantwortung

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In der kommunalen Finanzpolitik stehen Entscheidungsträger häufig im Spannungsfeld zwischen zentral verordnetem Sparzwang und der Notwendigkeit, lokalen Bedürfnissen gerecht zu werden. Die Wahl des Budgetierungsansatzes – Top-down oder Bottom-up – kann Lösungen in diesem Spannungsverhältnis begünstigen, aber auch neue Herausforderungen schaffen. Daher müssen Kämmerinnen und Kämmerer die psychologischen Effekte in der Finanzplanung kennen, um Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Beim Bottom-up-Ansatz erstellen die dezentralen Organisationseinheiten erste Budgetplanungen, die dann vom zentralen Management koordiniert und mit den verfügbaren Ressourcen abgeglichen werden. In der Kommunalpolitik bedeutet dies, dass Fachbereiche wie Bildung, Verkehr oder Sozialwesen ihre finanziellen Bedarfe eigenständig ermitteln und priorisieren, bevor diese im Gesamtbudget zusammengeführt werden. Die Einbeziehung der Mitarbeitenden fördert im Idealfall Motivation und Verantwortungsbewusstsein, was insbesondere in kommunalen Verwaltungen mit komplexen Zuständigkeiten von Vorteil ist. Allerdings ist dieser Prozess in großen Kommunen oft zeitintensiv und birgt das Risiko des Budgetary Slacks, bei dem Abteilungen durch großzügige Budgetanträge einen finanziellen Puffer für unerwartete Herausforderungen anlegen, was die Haushaltsplanung zusätzlich erschweren kann.

Beim Top-down-Ansatz in seiner Reinform steuert das obere Management zentral die Ressourcenallokation, das die Mittel für die Abteilungen festlegt. In der Kommunalpolitik bedeutet dies, dass zentrale Stellen wie die Kämmerei den Finanzrahmen für Bereiche wie Bildung, Infrastruktur oder Kultur vorgeben, ohne dass die jeweiligen Fachbereiche maßgeblich beteiligt werden. Dies ermöglicht zwar eine kohärente Planung des gesamten Haushalts, bessere Kostenkontrolle und schnelle Entscheidungen, doch der Verzicht auf wertvolle Inputs aus den Fachabteilungen kann sowohl zu Informationsdefiziten als auch zu Motivationsverlusten bei den Mitarbeitenden führen – ein Risiko, das in kommunalen Strukturen mit stark diversifizierten Aufgaben besonders relevant ist.

Verhaltensbedingte Einflüsse


Neben diesen klassischen Überlegungen wirken verhaltenswissenschaftliche Effekte unterschiedlich auf die Budgetierungsansätze ein. Nicht erst seit des Wirtschaftsnobelpreises für Daniel Kahneman im Jahr 2002 hat die verhaltenswissenschaftliche Forschung unsere Wahrnehmung von Organisationsprozessen wie der Budgetierung mitgeprägt. Der Schritt vom „Homo oeconomicus“ hin zu einem realen Entscheidungsträger zeigt anhand psychologischer Verzerrungen neue Herausforderungen in der Budgetplanung auf.
„Overconfidence“, die menschliche Tendenz, die eigenen Fähigkeiten und Erfolgschancen systematisch zu überschätzen, hat erhebliche Auswirkungen auf die kommunale Budgetplanung. Gerade im Bottom-up-Ansatz, bei dem Fachabteilungen wie Bildung, Verkehr oder Sozialwesen ihre finanziellen Bedarfe eigenständig ermitteln, zeigt sich dieser Bias besonders deutlich. Abteilungsleiter überschätzen häufig den Bedarf ihrer eigenen Projekte, was zu überhöhten Anträgen führt und die Ressourcenverteilung im kommunalen Haushalt unnötig belastet.

Im Top-down-Ansatz kann der „Overconfidence Bias“ ebenfalls Verzerrungen verursachen, beispielsweise wenn die Kämmerei die Anforderungen der Fachbereiche falsch einschätzt oder ihre Steuerungsfähigkeit überbewertet. Doch während zentrale Vorgaben die Auswirkungen begrenzen können, entfaltet sich der Bias im Bottom-up-Ansatz stärker, da die Budgets direkt auf den Einschätzungen der Abteilungen basieren. In Kommunen, wo die finanziellen Mittel ohnehin begrenzt sind, kann dies dazu führen, dass strategisch wichtige Investitionen zugunsten überzogener Einzelprojekte zurückgestellt werden müssen – ein Problem, das den Handlungsspielraum erheblich einschränkt.

Ein eng verwandter Effekt ist die „Illusion of Control“: Hier überschätzen zentrale Entscheidungsträger die Kontrolle über unsichere Ereignisse. Dieser Effekt tritt besonders im Top-down-Ansatz auf und führt dazu, dass zentrale Stellen wie die Kämmerei ohne ausreichende Inputs der dezentralen Fachbereiche Budgetrisiken bewerten. Die Folge sind oft unrealistische und zu optimistische Einschätzungen.

Unterschätzte Effekte


Eine Reihe verhaltenswissenschaftlicher Effekte beeinflusst die kommunale Budgetplanung, insbesondere beim Bottom-up-Ansatz, und kann dessen zentrale Stärke – die hohe Informationstiefe – erheblich beeinträchtigen. Der „Confirmation Bias“ führt dazu, dass Fachabteilungen in Kommunen vor allem Informationen überbewerten, die ihre bisherigen Einschätzungen stützen, während gegenteilige Daten vernachlässigt werden. Dies kann dazu führen, dass Abteilungen ihre eigenen Budgets höher ansetzen, ohne die tatsächlichen Bedarfe oder realistische Alternativen ausreichend zu berücksichtigen.

Zudem verstärkt der „Anchoring-Effekt“ in Kommunen die Verzerrung dezentraler Budgetplanungen, da vergangene Haushaltsansätze oder die Budgets anderer Fachbereiche als Anker dienen, anstatt sich an den zukünftigen Anforderungen der jeweiligen Abteilung zu orientieren. Dies schwächt die Flexibilität und Effizienz der Haushaltsführung. Hier zeigt sich der Vorteil des Top-down-Ansatzes: Durch die zentrale Festlegung des Budgetrahmens werden „Confirmation Bias“ und „Anchoring-Effekt“ in ihrer Wirkung begrenzt und können die strategische Steuerung des kommunalen Gesamtbudgets sogar unterstützen
Weitere verhaltenswissenschaftliche Effekte wirken unabhängig vom Budgetierungsansatz.

So beeinflusst beispielsweise der „Framing-Effekt“ die Kommunikation und Wahrnehmung von Budgetentscheidungen. Während der Fokus in der Kommunikation auf „Kürzungen“ vor allem einen wahrgenommenen Verlust auf den unteren Entscheidungsebenen und einen Rückgang an Motivation hervorrufen kann, steigt nachweislich die Akzeptanz und Motivation, wenn Budgetkürzungen als „notwendige Maßnahme zur Sicherung der Finanzlage“ oder als „präventive Sicherheitsmaßnahme“ kommuniziert werden. Dieser Effekt, häufig unterschätzt, ist wissenschaftlich allerdings gut belegt.

Hybrider Ansatz

Kämmerinnen und Kämmerer müssen die psychologischen Effekte in der Finanzplanung aktiv steuern, um Fehlentscheidungen zu vermeiden. Der Framing-Effekt beeinflusst, wie finanzielle Informationen präsentiert werden: Eine positive Formulierung kann die Akzeptanz bei Gemeinderäten erhöhen. Weder der Top-down- noch der Bottom-up-Ansatz allein kann die komplexen Anforderungen der kommunalen Budgetplanung vollständig erfüllen. Ein kombinierter Ansatz, der die strategische Ausrichtung und Kostenkontrolle der Top-down-Budgetierung mit der lokalen Expertise und Motivation der Bottom-up-Budgetierung vereint, erscheint am geeignetsten.

jan.riepe@uni-paderborn.de

Autor

Dr. Jan Riepe ist Professor für Finanzwirtschaft und Unternehmensrechnung an der Universität Paderborn. Philipp Hofmann ist Masterstudent im Studiengang Taxation, Accounting und Finance an der Universität Paderborn.

Info

Der Gastbeitrag ist zuerst in der aktuellen Ausgabe 1/2025 erschienen.

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