Tesla lässt sich mit einer neuen Gigafactory in Grünheide bei Berlin nieder. Warum die Gemeinde sich schon seit vielen Jahren auf ein solches Großprojekt vorbereitet hat und welche Effekte sie sich nun von der Ansiedlung erhoffen, berichten Bürgermeister Arne Christiani und Kämmerin Kerstin Lang im Interview.

Im November 2019 hat Grünheide den Zuschlag für den Bau der Tesla-Gigafactory erhalten. Da dürften im Rathaus die Sektkorken geknallt haben.
Arne Christiani: Natürlich! Wir haben in der Nacht vom 12. auf den 13. November von der Entscheidung erfahren, am 13. gab es direkt eine Pressekonferenz mit der Staatskanzlei. Ich habe den Zuschlag als Lottogewinn für die Gemeinde bezeichnet; Wirtschaftsminister Jörg Steinbach hat davon gesprochen, dass wir „den Jackpot gewonnen haben, ohne Lotto zu spielen“. Es geht aber nicht nur um Geld, sondern auch um Entwicklungsmöglichkeiten. Seit Grünheide sich vor 20 Jahren erfolglos um eine große Ansiedlung von BMW beworben hat, haben wir uns gezielt auf ein solches Projekt vorbereitet und das auch in den Bebauungsplänen berücksichtigt. Nach der Gebietsreform im Jahr 2003 haben wir zudem dafür gesorgt, dass die Infrastruktur in allen Ortsteilen den Anforderungen von Großinvestoren entspricht, ohne die Struktur der Ortsteile zu zerstören.

Welche konkreten Auswirkungen hat die Ansiedlung auf die finanzielle Situation der Gemeinde?
Kerstin Lang: Das große Geld fließt natürlich nicht sofort. Bis Tesla Gewerbesteuer zahlt, wird es noch dauern. Die Produktion soll in diesem Juli beginnen. Vorausgesetzt, dass Tesla sofort Gewinne erwirtschaftet, können wir also frühestens im Jahr 2022 mit Gewerbesteuereinnahmen rechnen. Das ist übrigens keine Selbstverständlichkeit: Tesla hat erfreulicherweise seinen Sitz für die Gigafactory nach Grünheide verlegt – anders als einige große Logistiker zum Beispiel, die hier vor Ort Niederlassungen betreiben, ihren Sitz jedoch weiterhin in Westdeutschland haben. Wir hoffen aber, dass weitere Unternehmen dem Beispiel von Tesla folgen und sich die Gewerbesteuereinnahmen dann nach und nach verstetigen. Im Moment schwanken die Erträge aus der Gewerbesteuer noch so stark, dass wir gar nicht sicher planen können.

Herr Christiani, Sie haben zu Beginn das Entwicklungspotential angesprochen. Auf welche Bereiche setzen Sie besonders?
Christiani: Das größte Potential sehen wir in der Schaffung von hochwertigen Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Nach der ersten Gebietsreform nach der Wende hat die Gemeinde Grünheide 1992 mit 5.000 Einwohnern angefangen. Jetzt sind es schon knapp 9.000. Das hat zunächst nichts mit Tesla zu tun, sondern mit unserer glücklichen Lage zwischen zwei Mittelzentren sowie im Speckgürtel von Berlin. 2002 haben wir mit der Bildung einer Großgemeinde begonnen und dabei darauf geachtet, die Ortsteile gleichmäßig zu entwickeln. Das gilt zum Beispiel für die Familien- und Jugendpolitik, den Sport oder den Tourismus. Wir haben sechs Vollzeitstellen im Haushaltsplan, die sich nur mit der Entwicklung dieser Themen beschäftigen. Mittlerweile dürfen wir die Früchte dieser Arbeit ernten, da unsere Bildungslandschaft für Zuzug sorgt. Es geht aber auch um die Ausbildungsmöglichkeiten nach der Schule. Bisher gehen viele junge Menschen nach dem Abschluss in die Altbundesländer und kommen erst später als Senioren wieder. Die Ansiedlung bietet uns jetzt die Chance, dass uns die Generation zwischen Jugend und Senioren nicht verlorengeht.
Lang:
Viele Entwicklungsmöglichkeiten gibt es besonders bei der Infrastruktur. Tesla ist eine Herausforderung für die Straßen und den Nahverkehr. Wir konnten seit dem Zuschlag vieles umsetzen, was wir uns lange gewünscht haben: Der Regionalzug von Berlin nach Frankfurt/Oder über Grünheide verkehrt ab 2022 nicht mehr stündlich, sondern alle 20 Minuten. Außerdem bekommen wir eine zusätzliche Autobahnanbindung, und auch das Straßennetz wird stark profitieren. Im ÖPNV wird die Taktung auch für Einwohner aus entlegeneren Ortsteilen besser.

Können Sie schon abschätzen, welche Zusatzkosten die Ansiedlung für Grünheide mit sich bringen wird?
Lang: Im Moment laufen sämtliche Planungen, es gibt noch keine fertigen Konzepte. Wir prüfen nun die Entwicklungsmöglichkeiten in den Ortsteilen – zum Beispiel, wo genau neue Wohn- und Gewerbegebiete entstehen können und welche Bedarfe sich daraus ergeben. Dann stimmen wir uns mit der Landesplanung ab und legen die konkreten Schritte fest. Die Entwicklung wird aber in jedem Fall moderat sein; wir wollen den Charakter der Gemeinde – wie gesagt – nicht kaputtmachen.

Werden Sie bei den Infrastrukturmaßnahmen auf Fördertöpfe zurückgreifen können?
Lang: Die Kosten müssen wir ja ohnehin nicht allein schultern. Der Schienenverkehr und die Autobahn sind Sache des Bundes, für die Landesstraßen ist das Land zuständig. Bei den Radwegen müssen wir noch prüfen, welche Teile in die Zuständigkeit der Gemeinde fallen. Im Bereich des Wohnungsbaus gucken wir natürlich, welche Fördermaßnahmen wir nutzen können. Dort gibt es ja eine große Vielfalt an Gestaltungen; wir können uns zum Beispiel auch vorstellen, Projekte gemeinsam mit privaten Investoren umzusetzen – auch im Gewerbebereich. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber vieles natürlich noch sehr vage.
Christiani: Die großen Projekte im Umfeld der Ansiedlung, der Ausbau von Landesstraße und Bahnhof, sind allerdings schon fest beim Land Brandenburg eingeplant.

s.doebeling(*)derneuekaemmerer(.)de

Info

Dieses Interview ist zuerst in der aktuellen Printausgabe der Zeitung Der Neue Kämmerer erschienen.

Aktuelle Beiträge

Der Newsletter für Kämmerer
– jeden Freitag in Ihr Postfach
Newsletter abonnieren »
Newsletter abonnieren »
Der Newsletter für Kämmerer – jeden Freitag in Ihr Postfach