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02.11.18
Finanzmanagement

Kommunen nutzen Niedrigzinsumfeld nicht aus

Die Zeichen für eine Zinswende verdichten sich – aber viele Städte und Gemeinden haben es noch nicht geschafft, das Niedrigzinsumfeld optimal zu nutzen. Eine neue Studie liefert eine Bestandsaufnahme.

Innerhalb der kommenden zwei Jahre dürften die Zinsen an den Kapitalmärkten zahlreichen Prognosen zufolge wieder steigen – diese Entwicklung birgt aus Sicht der Kämmereien das größte Risiko für ein erfolgreiches Schuldenmanagement in den kommenden Jahren. Die aktuell noch günstigen (Re-)Finanzierungsoptionen nutzen viele aber dennoch nicht optimal aus. Das sind die zentralen Ergebnisse einer neuen Studie von Uni Leipzig, DZ HYP und DZ Privatbank, die der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützt hat. An der Umfrage haben sich 166 Städte und Gemeinden mit mindestens 20.000 Einwohnern beteiligt.

Kommunen sehen ungenutzte Spielräume

Zwar beurteilen 68 Prozent der Teilnehmer die Auswirkungen des Niedrigzinsumfelds generell positiv, bei 30 Prozent der Kommunen überwiegen negative Effekte im Anlagebereich allerdings die entlastenden Effekte durch die Niedrigzinsen. Zwei von drei Kommunen sehen nach eigenen Angaben zudem ungenutzte Spielräume sowohl bei der Zinssicherung als auch bei einer weiteren Zinsersparnis – ein Indiz dafür, „dass viele Portfolios noch nicht vollständig auf das niedrige Zinsniveau hin optimiert wurden“, schreiben die Autoren.

Passiva umzuschichten scheitert demnach in erster Linie an Bindungsfristen für laufende Kredite – das bestätigen 57 Prozent der Befragten – bzw. an hohen Vorfälligkeitsentschädigungen (36 Prozent Zustimmung) und kommunal- bzw. aufsichtsrechtlichen Hürden (27 Prozent Zustimmung).

Kommunalkredit als Mittel der Wahl

Das Mittel der Wahl, um auch nach einer Zinswende von den günstigen Finanzierungskonditionen zu profitieren, ist für fast alle Kommunen (93 Prozent) der klassische Kommunalkredit. Die große Mehrheit setzt auf langfristige Zinsbindungen – jeder Dritte sogar auf Laufzeiten bis zu 30 Jahren. Wenig überraschend: Je höher die Gesamtverschuldung einer Stadt oder Gemeinde, desto größer das Interesse an besonders langen Laufzeiten.

Andere Finanzierungsinstrumente zur Zinssicherung spielen dagegen eine deutlich untergeordnete Rolle. So haben nur 25 Prozent Swaps, Derivate oder Optionen im Portfolio, Forwarddarlehen nutzen lediglich 22 Prozent. Eine Ausnahme bleiben bisher Kapitalmarktfinanzierungen: Nur einer von acht Befragten hat schon Schuldscheindarlehen begeben – und nur jeder 20. Teilnehmer eine Anleihe.

Anleihen als Ausnahme

Interesse am Kapitalmarkt zeigen bislang vor allem höher verschuldete Kommunen (> 1.700 Euro/Einwohner). Hier haben 26 Prozent schon Schuldscheindarlehen genutzt, in der Gruppe der Kommunen mit weniger als 1.700 Euro Gesamtschulden pro Kopf sind es lediglich 5 Prozent. Noch deutlicher ist das Bild beim Blick auf den Anleihemarkt: Unter den wenigen Emittenten finden sich ausschließlich Kommunen der höher verschuldeten Gruppe.

Wie breit der Finanzierungsmix auf der Passivseite ist, hängt der Studie zufolge allerdings auch davon ab, ob die Kommunen ein aktives Zins- und Schuldenmanagement betreiben. Das ist den Zahlen zufolge bei 78 Prozent der Teilnehmer der Fall. Diese Städte und Gemeinden setzen immerhin zu 27 Prozent auf Forwarddarlehen – bei den übrigen Teilnehmern sind es lediglich 3 Prozent. Swaps, Derivate und Optionen finden sich dagegen gar nicht im Baukasten der befragten Kommunen ohne Schuldenmanagement. Letztere verschenken demnach häufiger Potential bei ihrer Investitionsplanung: Sie kalkulieren ihren Liquiditätsbedarf zu 88 Prozent eher situationsbezogen als strategisch, was dagegen nur 71 Prozent der Kommunen mit Schuldenmanagement bejahen.

Kämmerer unter Erfolgsdruck

Insgesamt sei der Erfolgsdruck im Kredit- und Anlagemanagement für alle Kommunen – unabhängig von ihrer jeweiligen finanziellen Verfassung – extrem hoch, bilanziert Oliver Rottmann von der Uni Leipzig. Kämmerer seien nun gefragt, die „historische“ Chance zur Entschuldung zu nutzen und gleichzeitig die Weichen für die Zinswende richtig zu stellen. „Mit der Perspektive auf zukünftig steigende Zinsen müssen Kämmerer heute weit vorausschauend planen und den ,Konzern Kommune‘ zugleich auf Sicht steuern“, sagt Markus Krampe, Bereichsleiter Öffentliche Kunden der DZ HYP. „Das ist eine Herausforderung für jeden versierten Haushaltsmanager.“

s.nitsche(*)derneuekaemmerer(.)de