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Viele Jugendämter sind laut Studie unterbesetzt. Für die Arbeit mit den Betroffenen bleibe kaum Zeit.

Kommunen von steigenden Kosten entlasten

15.05.18 11:51

Studie: Bund soll Jugendämter finanzieren

Von Anne-Kathrin Meves

Eine Studie behauptet, dass viele Kommunen mit der Finanzierung ihrer Jugendämter überfordert seien. Daher solle der Bund die Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe übernehmen. Der Landkreistag äußert Kritik an der Seriosität der Studie.

Wissenschaftler fordern, dass sich der Bund an den Kosten für die Jugendämter beteiligen soll. Bisher finanzieren die Städte ihre jeweiligen Jugendämter selbst, was insbesondere bei klammen Kommunen zu Personalengpässen und fehlender Ausstattung führt, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Koblenz. „Die Verantwortung dürfe nicht an die Kommunen abgeschoben werden“, zitiert der Hessische Rundfunk, dem die Studie exklusiv vorliegt, Kathinka Beckmann.

Die Professorin im Fachbereich des Sozialwesens hat für die Studie „Zur Situation des ASD im Jugendamt“ 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern in ganz Deutschland Fragebögen ausfüllen lassen. Zusätzlich führten die Wissenschaftler Interviews mit zwölf Sozialarbeitern. Die Studienteilnehmer stehen insgesamt als Stichprobe für die 13.355 Sozialarbeiter, die in Deutschland im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) arbeiten.

DStGB unterstützt Forderung

Die Ergebnisse zeigen, wie groß die Defizite bei den Jugendämtern vielerorts sind. Häufig müssen Mitarbeiter zwei Drittel ihrer Arbeitszeit allein für die Dokumentation aufwenden. Zeit für individuelle Gespräche und Hausbesuche bleibt dabei laut Studie kaum. Gleichzeitig steigen jedoch seit einigen Jahren die Anzahl der Verfahren wegen Kindeswohlgefährdung an.

 

Mehr als die Hälfte der Befragten bestätigten, dass die Verzahnung der Jugendämter mit der kommunalen Kassenlage dazu führe, dass Entscheidungen häufig nicht nur nach pädagogischen sondern auch nach finanziellen Gesichtspunkten gefällt werden. „Die Sozialarbeiter im ASD werden durch die Strukturen behindert, wirklich professionelle, pädagogische Arbeit (…) zu leisten“, sagte Beckmann gegenüber dem hr. Klamme Kommunen verfügten gar nicht über die nötigen finanziellen Mittel, um zusätzliche Mitarbeiter einzustellen.

 

Die Forderung der Wissenschaftler, dass die Finanzierung der Jungendämter anders geregelt werden müsse, unterstützt auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB). Zwar seien die öffentlichen Ausgaben allein im Jahr 2015 für die Kinder- und Jugendhilfe auf knapp 41 Milliarden Euro gestiegen, doch davon kämen nur 7,3 Milliarden Euro auch tatsächlich den Jugendämtern zugute, bestätigte der  DStGB auf Anfrage des Hessischen Rundfunks. Der Löwenanteil flösse vor allem in die Finanzierung der Kitas. Das sei laut des kommunalen Interessenverbands eine „erhebliche Belastung der Kommunen.“

Landkreistag weist Vorwürfe zurück

Scharfe Kritik an der Vorgehensweise der Studienautoren übt hingegen der Deutsche Landkreistag. "Die gegenüber der Presse behaupteten Situationsbeschreibungen waren und sind nicht Realität in den Jugendämtern der Landkreise", sagte Hauptgeschäftsführer Hans-Günter Henneke. Die Landkreise hätten sehr wohl angemessen auf den wachsenden Bedarf an Fachkräften reagiert und zusätzliche Mitarbeiter im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe eingestellt.


Die in der Studie beschriebenen Missstände gebe es in den Landkreisen nicht. "Auf Basis von einigen Hundert Interviews mit sich freiwillig meldenden Personen auf die Lage in mehr als 600 Jugendämtern in Deutschland zu schließen ist abenteuerlich und unseriös", kritisierte Henneke das Vorgehen der Wissenschaftler.

 

ak.meves@derneuekaemmerer.de