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Mehr Gestaltungsspielraum bei der Kommunalfinanzierung

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Die vergangenen Jahre waren geprägt durch diverse Krisen, in deren Folge die Volatilität der Märkte massiv angestiegen ist. Mitte 2022 ergab sich mit der Zinswende der Europäischen Zentralbank eine weitere Herausforderung für Kämmerer und Finanzverantwortliche in kommunalen Betrieben. Auf diese exogenen Einflussfaktoren gilt es die richtigen Antworten zu finden.

Doch damit nicht genug, denn die langfristigen Trends bleiben ebenfalls im Lastenheft der kommunalen Finanzchefs. Neben der Digitalisierung ist dies allen voran der Wandel hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft und Gesellschaft. Dafür spielen die Kommunen selbst sowie ihre Tochter- und Beteiligungsgesellschaften – vor allem aber die Stadtwerke – eine entscheidende Rolle. Denn schließlich liegen mit einem effizienten öffentlichen Nahverkehr, bezahlbarem Wohnen oder einer umweltfreundlichen Energieversorgung viele Hebel in den Händen der öffentlichen Betriebe. In diesem anspruchsvollen Umfeld gilt es, die gesamte Klaviatur der zur Verfügung stehenden Finanzierungsinstrumente zu spielen.  

Mehr als Kommunaldarlehen und Kassenkredite

Ein Blick auf einige Transaktionen dieses Jahres zeigt, dass der Finanzierungsmix mittlerweile nicht mehr nur aus klassischen Instrumenten wie Kommunaldarlehen oder Kassenkrediten besteht, sondern dass die Emittenten ihre Gestaltungsmöglichkeiten um den Kapitalmarkt erweitert haben. So haben Städte und Stadtwerke endfällige Anleihen begeben, ebenso Schuldscheindarlehen mit unterschiedlichen Laufzeiten, sowohl endfällig, ratierlich tilgend als auch mit aufgezinster Zerokuponstruktur. Diverse Anstalten des öffentlichen Rechts haben darüber hinaus Namensschuldverschreibungen genutzt, speziell, um sehr lange Zinsbindungen zu realisieren. 

Insbesondere im Bereich der Schuldscheine und Namensschuldverschreibungen sind die Tilgungsprofile sehr individuell gestaltbar und nicht an die endfällige Struktur einer Anleihe gebunden. Diesen Spielraum haben unter anderem die landeseigenen Eisenbahngesellschaften mehrerer Bundesländer bei ihren Transaktionen genutzt – zuletzt etwa für Kreditlinien von mehr als 2 Milliarden Euro für die Bestellung von 90 neuen Zügen für die S-Bahn in München. Hier erfolgte die Zwischenfinanzierung über Schuldscheindarlehen mit individueller Struktur, bei Fälligkeit der einzelnen Schuldscheine schloss sich dann der Übergang in eine leasingbasierte Finanzierung an. Der Freistaat Bayern ermöglichte durch eine Kapitaldienstgarantie günstige Finanzierungskonditionen. Damit greift bereits die zweite Bahngesellschaft auf diese Art der Finanzierung zurück.

Stadtwerke prüfen Projektfinanzierungen

Auch die kommunale Forfaitierung, bei der auf Grundlage eines kommunalen Einredeverzichts von Forderungen Finanzierungsmittel zu Kommunaldarlehenskonditionen dargestellt werden können, findet bei diversen städtischen Schulbauvorhaben verstärkt Anwendung.

Stadtwerke prüfen bei der Finanzierung der Energiewende den Einsatz von projektbezogenen Finanzierungen, abgestellt auf den Cashflow des Vorhabens. Mit Blick auf die zu finanzierenden Volumen, die hier in den nächsten Jahren gestemmt werden müssen, kann dies eine interessante Alternative sein, die auch Bilanz- und Eigenkapital schont.

Auch der Trend zur Nutzung von Instrumenten mit ESG-Bezug wird sich fortsetzen. Einige Kommunen haben bereits grüne und soziale Transaktionen für die nächste Zeit angekündigt. So plant etwa eine Großstadt in Nordrhein-Westfalen derzeit ein grünes Schuldscheindarlehen.

Comeback der Gemeinschaftsanleihe?

Mit gemeinschaftlich begebenen Anleihen gibt es eine weitere spannende Option im Werkzeugkasten der Kommunalfinanzierung. Diese könnte bald ein Comeback erfahren: Die drei rheinischen Städte Krefeld, Mönchengladbach und Neuss sondieren im Moment im Rahmen ihrer interkommunalen Zusammenarbeit die gemeinsame Ausgabe einer Anleihe oder eines Schuldscheindarlehens nach den Kriterien des Social oder Green Bonds. Mit den Erlösen wollen die Kommunen insbesondere Investitionen im Bildungs- und Betreuungsbereich und für Klimaschutzmaßnahmen refinanzieren. In anderen Bundesländern werden ähnlich gelagerte Projekte geprüft, und die erste Transaktion dieser Art wird vermutlich bald realisiert werden.

Kapitalmarkttransaktionen, kommunale Forfaitierungsmodelle, Instrumente mit ESG-Bezug und Gemeinschaftsanleihen sind neben den klassischen Finanzierungsformen mittlerweile fester Bestandteil der Finanzierungsoptionen von Kommunen sowie von kommunalen Unternehmen geworden. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen. Denn nur mit einem vielfältigen Mix aus allen zur Verfügung stehenden Finanzierungsprodukten und -strukturen und einem breit aufgestellten Gläubigerportfolio werden die kommunalen Akteure in der Lage sein, die enormen Anforderungen zu stemmen, die an sie gestellt werden. Ihnen kommt eine entscheidende Rolle für die nachhaltige Transformation zu.

Nicole.Silberhorn@unicredit.de

Info

Nicole Silberhorn ist Leiterin Public Sector Deutschland bei der UniCredit Bank GmbH, Thomas Fuchs ist Director DCM Public Sector Origination Deutschland bei der UniCredit Bank GmbH.

Dieser Gastbeitrag ist zuerst in der aktuellen Ausgabe 4/2023 von Der Neue Kämmerer erschienen.