Klimaanpassung, Pandemie und Ukraine-Krieg belasten die Stadtwerke. Kämmerer müssen sich auf zunehmende finanzielle Risiken einstellen.

Die Selbstverständlichkeiten der zurückliegenden Jahre haben sich innerhalb von zwei Jahren de facto in Luft aufgelöst. Seit 2007/08 kannten die Energiepreise nur eine Richtung, die nach unten. Die Energieversorgung war die sichere Cashcow, mit der die Kommunen die Defizite anderer Bereiche, wie ÖPNV oder Bäder, ausgleichen konnten. Auch in dieser Phase gab es Herausforderungen, aber eben nicht in der Dimension und der Härte, mit der diese nun auf uns einwirken. Nur wenige Kommunen und auch deren Stadtwerke haben sich in den vergangenen Jahren ernsthaft mit potentiellen Risiken und deren Folgen beschäftigt. Einige Stadtwerke wären heute froh, wenn sie bereits vor den aktuellen Krisen nicht nur ein aktives Risikomanagement gehabt und damit die benötigte Energie risikoavers(er) eingekauft, sondern auch ihre Kapitalmarktfähigkeit im Augen behalten hätten.

Härtere Finanzierungsbedingungen

Die Stadtwerke werden gerade zu „normalen“ Wirtschaftsunternehmen. In den Fokus rückt verstärkt deren Kapitaldienstfähigkeit. In der Vergangenheit wurde die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadtwerke seitens der finanzierenden Banken eher nachrangig behandelt. So haben diese den Stadtwerken in der Vergangenheit des Öfteren ungesicherte Kredite zur Finanzierung eingeräumt. Es bestand Konsens, dass Stadtwerke nicht in Insolvenz gehen können. Dies ist seit dem ersten Fall in jüngster Vergangenheit Geschichte.

Darüber hinaus gibt es bei den wenigsten Stadtwerken ein tagesaktuelles, automatisiertes Liquiditätsmanagement. In vielen Fällen wurden auch nur geringe und/oder auch jederzeit kündbare Kreditlinien mit den Banken vereinbart. Gerade die hohen Energiepreise machen es aber aufgrund des zeitlichen Versatzes zwischen Energieeinkauf und -verkauf erforderlich, ausreichende finanzielle Reserven, also Liquidität, vorzuhalten.

Daher werden die Banken künftig wohl deutlich intensiver die Finanzkennzahlen der Stadtwerke durchleuchten. Auch dürften deutlich mehr Kredite nur noch bei Einhaltung bestimmter finanzieller „Covenants“, wie der Einhaltung bestimmter Liquiditätsanforderungen, gewährt werden. Daher sollten die Stadtwerke jetzt die Zeit nutzen und sich mit der aktuellen Lage bewusst auseinandersetzen. Transparenz und Offenheit sind ein „Muss“.

Gerade die Geschäftsleitung sollte sich aus persönlicher Verantwortung, aber auch im Interesse des Fortbestands des Stadtwerks die Frage stellen, ob auszuschließen ist, dass sich das Stadtwerk auf eine Krise zubewegt bzw. sich bereits in einer Krise befindet. Aber auch der Eigentümer, und hier vor allem der Kämmerer, sollte sich intensiv mit seinem Stadtwerk auseinandersetzen. Der letztjährige Jahresabschluss, aber auch der Wirtschaftsplan des laufenden Jahres geben ihm weder einen aktuellen Einblick dahingehend, wo das Stadtwerk tatsächlich wirtschaftlich steht, noch in Bezug darauf, wie die Entwicklung der nächsten Wochen, Monate und Jahre sein wird.

Dividenden in Gefahr

Für die Kommune als Eigentümerin kommt noch hinzu, dass ein verringerter bzw. ein vollständiger Ausfall der Dividende erhebliche Auswirkungen auf die defizitären Bereiche wie ÖPNV und Bäder haben wird. Sollten sich diese Bereiche innerhalb der Stadtwerke befinden, könnten sich für die Kommunen in den kommenden Jahren plötzlich ungeplante Nachschuss- bzw. Einlagepflichten ergeben – dies insbesondere bei der Beteiligung privater Mitgesellschafter. Gerade dann ist ein gemeinsames Vorgehen unbedingt anzuraten.

Als erster Schritt sollte ein Quick-Check erfolgen, gegebenenfalls mit externer Unterstützung. Dieser gibt schnell erste Hinweise. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Gibt es ein operatives Risikomanagement auf Basis eines (risikoavers gelebten) Risikohandbuchs? Besteht ein tagesaktuelles (standardisiertes) Liquiditätsmanagement? Besteht eine integrierte Wirtschaftsplanung? Dahinter steht die Erkenntnis, dass neben der Liquiditäts- und Ertragslage zukünftig auch bilanzrelevante Faktoren stärker berücksichtigt werden.

Neben den aktuellen Fragestellungen sind aber gerade die Herausforderungen der nächsten sieben bis zehn Jahre zu beachten. Der Umbau der Energieversorgungsstrukturen hin zu nachhaltigen, die Klimaziele 2045 ermöglichenden Strukturen wird ein nicht nur personell, sondern auch finanziell erheblicher Kraftakt werden.

Sollten sich aus dem Quick-Check erste Anzeichen für eine kurz- oder mittelfristige Krise ergeben, so empfiehlt sich frühzeitig eine weitergehende Überprüfung der wirtschaftlichen Lage des Energieversorgungsunternehmens (EVU). Hier kann ein Rückgriff auf den IDW-S6-Standard, der üblicherweise für Fortführungsprognosen im Sanierungsfall eingesetzt wird, sinnvoll sein. Es ist unerlässlich, dass Gesellschaft und Gesellschafter das Heft des Handelns so lange wie möglich selbst in der Hand behalten und die Fortführung des EVUs nicht, auch nicht übergangsweise, in die Hände Dritter legen.

Autor

Dr. Gerhard Holtmeier ist Rechtsanwalt mit langjähriger operativer Erfahrung in mehrheitlich kommunal betriebenen Regionalversorgern, Stadtwerken und Querverbundunternehmen. Darüber hinaus hat er als Investmentbanker langjährige M&A- und Restrukturierungserfahrungen im öffentlichen Sektor gesammelt.
gerhard.holtmeier@t-online.de

Info

Der Gastbeitrag ist in der Ausgabe 2/2022 von Der Neue Kämmerer erschienen. Weitere Hintergründe finden Sie auf der Themenseite Stadtwerke.

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