Der Berliner Senat hat entschieden: Gefahr für unsere Stadt droht nicht von Drogendealern oder rivalisierenden Clans, sondern von Pappkisten mit der Aufschrift „Zu verschenken“. Wer künftig also seine alten Turnschuhe oder die nicht mehr benötigte Teekanne vor die Tür stellt, könnte mit einem Bußgeld von bis zu 1.500 Euro zur Rechenschaft gezogen werden.
Berlin kriminalisiert damit eine liebgewonnene Tradition: die unkomplizierte Umverteilung des über Jahrzehnte angesammelten Gerümpels. Ganze Generationen haben sich aus diesen Kisten ihre Studentenbuden eingerichtet. Künftig aber soll man seine Schätze – je nach Zustand – brav ins weit entfernte Gebrauchtwarenkaufhaus oder zu einem der Recyclinghöfe karren. Ein schöner Gedanke. Denn wer freut sich nicht, wenn er sich bei Wind und Wetter durch die halbe Stadt kämpfen darf – mit einer Kiste voll ausrangierter Gesellschaftsspiele oder der Brockhaus-Gesamtausgabe unterm Arm.
Verschenken oder behalten – das ist hier die Frage
Vielleicht ist das alles aber auch nur der Versuch, den sozialen Zusammenhalt zu retten: Wenn für die selbstlose Weitergabe der alten Kaffeemaschine plötzlich eine Strafe von 1.500 Euro im Raum steht, überlegt sich so mancher Berliner dreimal, ob er sie nicht doch lieber selbst behält. Am Ende sitzen wir also alle wieder vereint zu Hause, umgeben von zerschlissenen Sofas, in die Jahre gekommenen Mikrowellengeräten und Fachbüchern, in denen der aktuelle Bundeskanzler noch Adenauer heißt. Aber der Berliner Senat kann stolz verkünden: Mission erfüllt, Müllproblem gelöst.
Höchstwahrscheinlich entsteht in der Hauptstadt aber doch eher eine ganz neue Form der Kriminalität: das Schwarzverschenken. Heimliche Treffpunkte im Park, flüsternde Menschen mit verdächtig stark ausgebeulten Trenchcoats und vielsagenden Dialogen: „Pssst, willst du einen Schokoladenbrunnen?“ – „Na klar, aber nur, wenn du im Gegenzug meinen Tischstaubsauger mitnimmst.“
Kunst statt Krempel
Am einfachsten wäre aber natürlich die Umetikettierung: Statt „Zu verschenken“ schreibt man künftig einfach „Temporäre Installation im öffentlichen Raum“ auf die nicht mehr benötigten Gegenstände. Für eine Weinflasche ohne Deckel bietet sich etwa der Hinweis „Flüssige Erinnerungskultur, Mixed Media, 2025“ an. Bei einem schiefen Billy-Regal drängt sich ein Aufkleber mit dem Schriftzug „Dekonstruktion des Patriarchats im Spätkapitalismus“ geradezu auf. Die Chancen stehen gut, dass in diesen Fällen statt eines saftigen Bußgeldes plötzlich eine Einladung zur nächsten Ausstellung in einer hippen Galerie in Berlin-Mitte ins Haus flattert.
So gesehen ist das Verbot der Verschenkekiste am Straßenrand nicht das Ende der Berliner Kultur, sondern ihr Neuanfang. Die Stadt war schon immer ein einziges Freiluftmuseum, nur dass die Exponate bislang missverstanden vor Haustüren herumstanden. Jetzt endlich wird klar: Was heute noch illegaler Müll ist, wird schon morgen Avantgarde sein. Und vielleicht ist Berlin damit am Ende genau das – die weltoffene, kreative Hauptstadt, in der man nur nassforsch genug sein muss, um dank eines verkalkten Wasserkochers zum Superstar der Kunstbranche zu werden.
Ariane Mohl ist Redakteurin im Public Sektor des F.A.Z.-Fachverlags. Für die Plattform #stadtvonmorgen schreibt sie über die Energiewende in den Städten und Gemeinden. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Die Politikwissenschaftlerin arbeitet seit rund 20 Jahren als Journalistin. Vier Jahre lang war sie als Redakteurin für den Neuen Kämmerer tätig. Nach fünf Jahren bei der Zeitung für kommunale Wirtschaft (ZfK) ist sie seit Juli 2025 wieder für den F.A.Z.-Fachverlag im Einsatz.

