Anja Gerullis leitet seit einem Jahr die Finanzen und das Beteiligungsmanagement im Saale-Holzland-Kreis. Am Anfang ihrer Karriere kam der Berufsweg als Kämmerin für sie nicht infrage.

Frau Gerullis, wir haben uns auf dem diesjährigen Deutschen Kämmerertag kurz über Ihren Start als Amtsleiterin Finanzen und Beteiligungsmanagement unterhalten. Ich weiß bereits, dass Sie zuvor eine interessante Karriere in der freien Wirtschaft hatten. Fangen wir nochmal ganz von vorne an: Wie sah Ihr Karriereweg aus, bevor Sie Anfang des Jahres in die Finanzverwaltung des Saale-Holzland-Kreises gegangen sind?
Ich habe Rechtswissenschaften in Jena studiert, mit den Schwerpunkten Handels- und Gesellschaftsrecht. Schnell war klar, dass mich die gestalterischen Aspekte am meisten interessierten, zum Beispiel Unternehmensentwicklung und Börsengänge. Interessanterweise habe ich damals die Verwaltung als Karriereweg nicht für mich gesehen. Das lag aber wohl auch an der konkreten Situation in der Verwaltungsstation während meines Referendariats.

Nach meinem zweiten Staatsexamen habe ich deshalb nach einem großen Unternehmen gesucht und bin bei der Deutschen Telekom AG gestartet. Die war ja ursprünglich ein Staatsunternehmen und wurde gerade privatisiert. Vorher war die Infrastruktur vom Staat finanziert worden, nun hatte die Telekom mit über 300 lizensierten Unternehmen Verträge über die Nutzung der Netze abzuschließen. Dabei konnte ich drei Jahre mitarbeiten. Das war eine sehr schöne Zeit, geradezu eine Aufbruchstimmung.

„Kostenoptimierungen sind natürlich auch als Kämmerin ein wichtiges Thema.“

Welche Parallelen gibt es zwischen Ihrer Tätigkeit damals und dem, was Sie heute als Amtsleiterin machen?
Neben dem Gesellschaftsrecht hatte ich auch mit Beteiligungsrecht zu tun, das findet sich jetzt durchaus in meiner aktuellen Position wieder. Die Telekom hatte als Konzern zahlreiche Beteiligungen. Ich habe die Chance genutzt und das Aufsichtsratsbüro einer Tochtergesellschaft geleitet, während dessen wurde auch der Börsengang des Unternehmens vorbereitet. Dann hat sich schlagartig der Markt geändert, Strategiewechsel wurden erforderlich. Danach war ich innerhalb des Konzerns im Bereich Personalstrategie tätig. Wir haben ein Personalumbauprogramm durchgeführt, bei 260.000 Mitarbeitern weltweit musste aufgrund der Technologiewende und des veränderten Wettbewerbsumfeldes ein Umbau realisiert werden. Kostenoptimierungen sind natürlich auch als Kämmerin ein wichtiges Thema.

Haben Sie noch einmal die Branche gewechselt, bevor Sie Kämmerin wurden?
Ich habe eine Familie gegründet, erst ein Kind und dann nochmals Zwillinge bekommen. Da ahnte ich, dass es mit den gegebenen Randbedingungen im Job nicht mehr weiter funktionieren würde. Deshalb bin ich in meine Heimat zurückgegangen. Ich wohne seitdem mit meiner Familie und meinen Eltern zusammen, sozusagen in einem „Mehrgenerationenhaus“. 2010 habe ich nach der Elternzeit als Justiziarin bei einem Wohlfahrtsverband in Jena gearbeitet und später als Bereichsleiterin Personal und Recht Führungsverantwortung übernommen. Nach insgesamt zehn Jahren im karitativen Bereich habe ich gemerkt, dass ich noch einmal etwas Neues machen wollte. Da bin auf die Ausschreibung des Saale-Holzland-Kreises gestoßen.

Stelle als Kämmerin über das Internet gefunden

Wie haben Sie denn die Stelle gefunden?
Durch das Internet und die Nutzung von Suchmaschinen ist das ja ohne weiteres möglich. Ein ortsgebundener Job ist mir in dieser Lebensphase auch sehr wichtig gewesen. Also habe ich im Umkreis zu meinem Wohnort gesucht. So habe ich die Anzeige für die Amtsleitung entdeckt – und es war wohl neben den Treffern auch Intuition, die mich dazu brachte, mich zu bewerben. Auch mein Mann sagte sofort: „Klar das ist was für dich!“. Für mich zeigt es, dass man offen bleiben und niemals nie sagen sollte. Denn jetzt macht mir die Arbeit in der Verwaltung große Freude.

War die Tätigkeit in der Verwaltung für Sie ein Kulturschock?
Nein (lacht). Ich war nicht vorurteilsfrei, als ich anfing. Aber ich dachte mir vorher, dass ich ja sowieso schon Erfahrung mit verschiedenen Mitarbeitern und Arbeitssituationen hatte. Ich bin von der Motivation der Mitarbeiter sehr angetan. Es gibt in hier eine hohe Professionalität und auch intrinsische Motivation. Die Kollegen sind fachlich hochqualifiziert und sehr erfahren. Viele sind direkt nach der Ausbildung hierhergekommen und geblieben. Als Quereinsteiger fühlt man sich da manchmal ein bisschen wie ein Exot.

Begegnen Ihnen denn Vorurteile, weil Sie Quereinsteigerin sind?
Nein, ich habe nur Positives erfahren. Da kann ich wirklich nichts Negatives berichten.

Kommunikation ist in der Kämmerei wichtig

Kommt Ihnen die Erfahrung aus Ihren bisherigen Karrierestationen in der Kämmerei zugute oder fehlen Ihnen manche Fachkenntnisse?
Spezifische haushaltsrechtliche Kenntnisse spielen natürlich eine Rolle, die eigne ich mir in Theorie und Praxis täglich an. Aber Berufs- und Lebenserfahrung machen einen Großteil der Aufgabe als Kämmerer oder Kämmerin aus. Die Frage ist, wie man als Führungskraft mit Problemen umgeht. Um Lösungen zu erarbeiten, muss man beispielsweise überlegen, welche Interessen bestehen und welche Prioritäten gesetzt werden müssen. Das Thema Kommunikation generell ist immens wichtig. Da profitiere ich auch von meinen Erfahrungen aus der Wirtschaft.

Was macht Ihnen am meisten Freude in der Kämmerei?
Tatsächlich ist es die Zusammenarbeit mit den Kollegen – aus dem eigenen und aus anderen Bereichen. Auch das kenne ich von meinen vorherigen Tätigkeiten.  Bei der Telekom habe ich mich häufig mit den Kaufleuten und Ingenieuren ausgetauscht, um Verträge zu entwickeln. Hier ist es die enge Abstimmung  mit den Mitarbeitenden aus anderen Ämtern des Landratsamtes, zum Beispiel dem Jugend- oder Sozialamt. Wenn man sich interdisziplinär austauscht, ist man danach immer ein kleines Stückchen klüger als vorher. Das empfinde ich als Bereicherung.

Können Sie sich vorstellen, sich noch einmal beruflich zu verändern?
Ich würde sagen, man darf nie die Veränderungsbereitschaft aufgeben. Denn Veränderung gibt es ja auch permanent in der Verwaltung. In fünf Jahren werde ich auch in der gleichen Position vermutlich etwas ganz anderes machen als heute.

a.jarchau@derneuekaemmerer.de

Info

Mehr spannende Karrierewege finden Sie auf unserer Themenseite Karriere. Den Rückblick zum 17. Deutschen Kämmerertag finden Sie hier.

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