Die Bundestagswahl ist vorbei. Eine Koalition aus Schwarz und Rot soll in den nächsten Wochen geformt werden. Nun ist kreatives Handwerk gefragt. Dazu dürften auch zahlreiche Kommunen greifen, denn auf frisches Geld vom Bund werden sie wohl noch lange warten müssen.
Unschöne Wahrheiten …
In den Städten und Gemeinden ist Sparen angesagt. Auch ein Anstieg der Steuern und Abgaben lässt sich oft nicht vermeiden. Die Kämmerer müssen immer öfter Vermittler unschöner Wahrheiten sein. In der politischen Diskussion ist dabei zumeist von Unvermeidlichem und Schmerzhaftem die Rede. Doch das muss nicht sein. Schließlich bieten die Städte und Gemeinden außerordentliche Leistungen, die viel zu oft als Selbstverständlichkeiten abgetan werden. Dabei lässt sich Hochpreisiges mit den richtigen Begleittexten durchaus gut verkaufen.
… wohlklingend verpacken
Da trifft es sich gut, dass der Berliner Friseursalon „Kämmerei“ ein Wording vorhält, das auch die Kämmerei auf dem flachen Land gut für die Umschreibung dringend notwendiger Einsparungen und Gebührenerhöhungen verwenden kann. So bewerben die hochpreisigen Haarkünstler ihre professionellen Schnitte mit nutzwertvermittelnden Charakterisierungen wie der „Liebe zur Perfektion, zum Detail und zur kreativen Handwerkskunst“. Es geht den Coiffeuren um das Einzigartige in jedem Menschen und dessen besondere Bedürfnisse. Der Preis rückt so in den Hintergrund.
Hebesatzbegründung …
Wäre das nicht auch etwas für den nächsten Grundsteuerbescheid? Gerichtet an die liebe Mitbürgerin, den lieben Mitbürger in der idyllischen Nebenstraße, könnte eine wertschätzende und nutzenbetonende Ansprache die Höhe der gemeindlichen Grundsteuer gekonnt relativieren. Was sind schon höhere Abgaben an die heimische Gemeinde im Vergleich zu dem seit Jahren steigenden Marktwert der Liegenschaft oder dem inzwischen erreichten Mietniveau? Eine kleine Formulierungshilfe für die Verwaltung bieten wir gerne an. Dazu haben wir uns keiner künstlichen Intelligenz bedient, schlagen das aber durchaus zur Gestaltung eines passenden Textes vor. Denn der richtige Ton ist oftmals schwer zu treffen, insbesondere wenn der subjektive Wohlfühlfaktor des Umfeldes und der kommunalen Leistungen zu weit unter dem erreichten Grundsteuerbetrag liegt. Es kommt ja nicht selten vor, dass gerade Kommunen mit weniger ansprechenden Attributen und sparsamem Angebot zu besonders hohen Hebesätzen greifen (müssen).
… zum Mitschreiben
Also schreiben wir auf, was in einigen Fällen durchaus zu einer positiveren Einstellung gegenüber dem beiliegenden Grundsteuerbescheid führen könnte: „Sie wohnen in der schönsten Kommune Deutschlands (wahlweise: in einer der schönsten Kommunen) und genießen die Vorzüge unserer einzigartigen (vielleicht auch nur: ansprechenden) Lage. Als Verwaltung arbeiten wir täglich mit Hingabe an der Verbesserung Ihres Lebensumfeldes. Mit Liebe zum Detail und der Perfektion jahrelanger Erfahrung rücken wir Sie als Grundstückseigentümer in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Wir haben dazu in enger Zusammenarbeit mit dem Finanzministerium des Landes Ihre Messzahl optimiert und den Hebesatz neu austariert. So können Sie sicher sein, dass die erhobene Grundsteuer Ihrem exquisiten Wohngefühl entspricht.“
g.schilling@derneuekaemmerer.de
Info
Der Beitrag ist als Letzte Runde zuerst ist der Ausgabe 1/2025 von Der Neue Kämmerer erschienen.
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Gunther Schilling ist Verantwortlicher Redakteur Public Sector mit Schwerpunkt „#stadtvonmorgen“. Für „Der Neue Kämmerer“ schreibt er insbesondere über die Themen Haushalt und kommunale Unternehmen. Der Diplom-Volkswirt ist seit 1990 als Redakteur in der F.A.Z.-Verlagsgruppe tätig. Das Team von „Der Neue Kämmerer“ verstärkt Gunther Schilling seit Januar 2022. Zuvor war er Leitender Redakteur des Außenwirtschaftsmagazins „ExportManager“.

