Herbert Gehring, Amtsleiter des Rechnungsprüfungsamtes der Landeshauptstadt Dresden, geht in den Ruhestand. Im DNK-Interview zieht er Bilanz und erklärt, inwiefern die kommunale Daseinsvorsorge in einer digitalisierten Welt neu definiert werden muss.

Herr Gehring, Sie haben als Amtsleiter des Dresdner Rechnungsprüfungsamtes in den vergangenen elf Jahren quasi aus Helikoptersicht gesehen, wo die zentralen Herausforderungen Dresdens lagen. Gleichzeitig ging ihr Blick auch immer über die Stadt hinaus. Wie beurteilen Sie die Situation, in der sich die Kommunen aktuell befinden?
Die Kommunen befinden sich seit Ausbruch der Pandemie im Dauerkrisenzustand. Zudem ist die Stimmung äußerst pessimistisch. Der kommunale Investitionsrückstand ist auf 10 Milliarden Euro angestiegen. Nominal haben wir zwar ein Investitionsplus von 6 Prozent gegenüber dem Vorjahr, real liegt der Betrag aber deutlich niedriger, weil die Baukosten enorm gestiegen sind. Dieses Problem wird uns noch länger begleiten, denn es wird Jahre dauern, ehe die Inflation wieder auf 2 Prozent zurückgeht. Die Kreditfinanzierung stößt an dieser Stelle an ihre Grenzen. Deshalb geht es jetzt wieder einmal vor allem darum, die Kommunalfinanzierung auf nachhaltig stabile Füße zu stellen. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf.

Sie sprachen es gerade schon an. Der Investitionsrückstand liegt bei 10 Milliarden Euro. Nun ist davon auszugehen, dass sich die finanziellen Möglichkeiten vielerorts verschlechtern werden. Wo sollten die Kommunen ihre Prioritäten setzen?
Ich denke, wir müssen jetzt bei der Digitalisierung schneller voranschreiten. Hier fehlen aber nicht so sehr die finanziellen Mittel, vielmehr mangelt es an einer Strategie und an der Vorstellungskraft, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Viele Kommunen übersetzen die analogen Prozesse in digitale und verpassen dabei die Chance, die Prozesse neu zu denken, sie zu straffen oder ganz wegfallen zu lassen. Das große Ganze ist dabei oft nicht im Blick. Ich vergleiche das gern mit einem Puzzle. Die Kommunen sind aktuell nicht in der Lage, die einzelnen Teile zu einem Bild zusammenzusetzen.

Welche Voraussetzungen müssen über diese ganzheitliche Strategie hinaus erfüllt sein, um erfolgreich digitalisieren zu können?
Neben der Strategie ist auch die IT-Architektur ein wichtiges Thema. Die Verwaltung muss in einem ersten Schritt ermitteln, welche Programme in den verschiedenen Ämtern bereits im Einsatz sind und wie diese zusammenwirken. Dazu sind sogenannte Softwareverzeichnisse anzulegen Ein solches Verzeichnis hilft nicht nur bei der Digitalisierung. Es ist auch unglaublich wichtig, um Sicherheitsmängel zu identifizieren und Hackerangriffen rechtzeitig vorzubeugen.

Was meinen Sie: Inwiefern wird die Digitalisierung kommunales Handeln verändern?
Ich glaube, dass die Auswirkungen groß sein werden. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass kommunale Daseinsvorsorge in einer digitalisierten Welt neu definiert werden muss. Dazu nenne ich gern ein Beispiel: Wenn Bürger einen neuen Personalausweis beantragen wollen, müssen sie dies im Bürgeramt tun. Dabei ist eigentlich die Bundesdruckerei die Stelle, die die Leistung erbringt. In einer digitalen Welt ergibt ein solcher Zwischenschritt vermutlich keinen Sinn mehr. Ein digitales Bundesamt könnte den Antrag auch direkt entgegennehmen. Dieses Beispiel steht exemplarisch dafür, dass Kommunen sämtliche Prozesse hinterfragen müssen und Leistungen gegebenenfalls wieder auf den Bund oder die Länder übertragen werden können.

Wenn es um Möglichkeiten der Verschlankung und Ausgabenreduktion geht, werden Kämmerer hellhörig. Sie sind ja nun schon seit bald 15 Jahren nicht mehr in der Kämmerei tätig, haben aber immer eng mit dem Finanzbürgermeister und Ihren früheren Kollegen zusammengearbeitet. Wie hat sich der Seitenwechsel für Sie angefühlt?
Als sich vor elf Jahren für mich die Möglichkeit bot, ins Rechnungsprüfungsamt zu wechseln, hatte ich angenommen, dass dies ein Feld mit großem Gestaltungsspielraum und einer enormen Themenvielfalt sein würde. Dieser Eindruck hat sich bestätigt, und deshalb habe ich den Schritt auch nie bereut. Tatsächlich habe ich in meiner Tätigkeit als Amtsleiter des Rechnungsprüfungsamtes weiter eng mit der Kämmerei zusammengearbeitet – zum einen, weil die Kämmerei das meistgeprüfte Amt in der Kommunalverwaltung ist, zum anderen, weil das Rechnungsprüfungsamt die Kämmerei unterstützen kann, wenn diese versucht, die Stadtverwaltung zu wirtschaftlicherem Handeln zu bewegen. Wichtig war mir auch, den kulturellen Wandel im Bereich der Rechnungsprüfung voranzubringen.

Was meinen Sie damit?
Früher ging es Rechnungsprüfern oftmals darum, recht zu haben. Was die Prüfung am Ende brachte, stand weniger im Fokus. Heute findet eine ständige Beratung statt. Stichwort: Hausbesuch! Während die Prüfer früher im stillen Kämmerlein arbeiteten, stehen wir heute im ständigen Dialog mit den Geschäftsbereichen. So melde ich mich bei den Geschäftsbereichsleitern und frage, ob wir uns mal zum allgemeinen Gespräch zusammensetzen wollen. Wenn dieser regelmäßige Austausch gut funktioniert, finden sich diverse Themen im Prüfbericht gar nicht mehr wieder.

Was macht für Sie einen guten Prüfer aus?
Prüfer müssen sichtbar sein, Qualität bringen und Vertrauen schaffen. Sie müssen kommunikativ sein und ein positives Menschenbild haben. Mir ging es immer darum zu vermitteln, dass sich die Leute an uns wenden und wir gemeinsam Lösungen finden können. Ich konnte in dieser letzten Phase meiner Laufbahn all meine Erfahrungen einbringen. Das hat mich immer gefreut und war sehr wertvoll. Grundsätzlich gilt, dass Prüfer eher akzeptiert werden, wenn sie die Gegenseite kennen und auch mal Verantwortung in einem Amt getragen haben, wo es „zischt und brodelt“.

Und wie haben sich die Kämmerer oder Finanzbürgermeister im Laufe der Zeit verändert?
Ich beobachte, dass es in diesem Bereich einen gewissen Wandel gibt. Früher waren Finanzbürgermeister zumeist Kollegen, die sich im Rahmen einer Verwaltungslaufbahn hochqualifiziert haben. Heute wird das Amt oft als Karrieresprungbrett verstanden und genutzt. Da fehlt es dann manchmal an Kontinuität. Während Kämmerer oder Finanzbürgermeister früher mindestens zwei Legislaturperioden im Amt blieben, ist die Verweildauer heute deutlich kürzer. Diese Entwicklung sehe ich kritisch.

Ende Oktober gehen Sie nun in den Ruhestand. Bleiben Sie der kommunalen Welt weiter verbunden?
Nein, ich werde mich wirklich aus dem Berufsleben zurückziehen. Ehrenamtlich möchte ich mich aber weiterhin engagieren und bei der Krisenintervention Notfallseelsorge, die in den Dresdner Katastrophenschutz eingebunden ist, tätig sein. Ich war über viele Jahre stellvertretender Leiter des Katastrophenschutzstabs in Dresden. Diese Aufgabe war mir immer wichtig, und in diesem Umfeld werde ich mich weiter einbringen. Ansonsten freue ich mich auf mehr Zeit mit der Familie!

Herr Gehring, stellvertretend für die gesamte Redaktion bedanke ich mich für Ihre großartige Unterstützung als Mitglied unseres Fachbeirats in den vergangenen 17 Jahren und wünsche Ihnen alles Gute!

v.wilke@derneuekaemmerer.de

Info

Das hier veröffentlichte Interview ist bereits in einer gekürzten Fassung in der aktuellen Zeitungsausgabe von Der Neue Kämmerer 03/2022 erschienen.

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