Wirkungsorientiert entscheiden

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Die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen bilden für viele Kommunen in der Bundesrepublik inzwischen einen unverzichtbaren Rahmen für die eigene Stadtentwicklung und ihr Nachhaltigkeitsmanagement. Zu den gängigsten Instrumenten zählen dabei Nachhaltigkeitsprüfungen, Nachhaltigkeitsstrategien und Nachhaltigkeitsberichte, für die die Indikatoren-Sets des „Monitors Nachhaltige Kommune“ oder des „Berichtsrahmens Nachhaltige Kommune“ wichtige Rahmenwerke bilden.

Herausforderungen wie die Eindämmung des Klimawandels, ein Abbau sozialer Ungleichheiten oder der Aufbau regionaler Wirtschaftskreisläufe als Teilaspekte einer an Nachhaltigkeitszielen orientierten Transformation müssen auch durch entsprechende Budgets der Kommunen hinterlegt sein und mit geeigneten haushalterischen Instrumenten flankiert werden. Nicht umsonst haben sich Kommunen wie etwa Stuttgart, Bonn oder Detmold aufgemacht, um das Instrument des sogenannten Nachhaltigkeitshaushalts zu implementieren.

Doppik-Steuerung im Sinne der Nachhaltigkeit

Dieser lässt sich als Form der wirkungsorientierten Doppik-Steuerung im Sinne der Nachhaltigkeit verstehen.
Parallel dazu haben neun NRW-Kommunen in Zusammenarbeit mit der NRW.Bank und dem Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) in den vergangenen zwei Jahren im Rahmen eines Forschungsprojekts das Instrument einer „Nachhaltigkeitsrendite“ entwickelt, das den Nachhaltigkeitshaushalt ergänzen kann. Denn während sich der Nachhaltigkeitshaushalt als ganzheitliches Werkzeug zur wirkungsorientierten Haushaltssteuerung versteht, legt die Nachhaltigkeitsrendite den Fokus auf einzelne Investitionsmaßnahmen.

Unter einer Nachhaltigkeitsrendite wird dabei – anders als eine klassische finanzwirtschaftliche Rendite – eine mehrdimensionale Kenngröße verstanden, die die drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und
Soziales berücksichtigt. Im Zentrum steht eine indexbasierte Bewertung der Wirkungen, die einzelne Investitionen zur Erreichung relevanter SDGs leisten. Diese wird den heutigen und künftigen Kosten der jeweiligen Investition gegenübergestellt. Im Ergebnis wird so ersichtlich, welche Investitionsalternative das beste Nachhaltigkeits-Kosten-Verhältnis aufweist. Konzeptuell liegt dieses Vorgehen nah an einer Nutzwertanalyse. Die Nachhaltigkeitsrendite soll Kommunen und Kämmereien dabei unterstützen, in einen fundierten Diskurs mit den Fachverwaltungen zu treten, um vorausschauende Investitionen zu tätigen, die sich über den Lebenszyklus hinweg rentieren. Das Ergebnis dieser Bewertungen soll den Finanzverantwortlichen vor Ort als möglichst valide Argumentationshilfe auch in den Haushaltsverhandlungen dienen.

Tägliche Arbeit in den Kämmereien

Ein besonderes Augenmerk wurde bei der Erarbeitung des Instruments auf die Handhabbarkeit für die tägliche Arbeit in den Kämmereien gerichtet. Die Mitarbeitenden haben mit den wiederkehrenden Aufgaben im jährlichen Haushaltskreislauf sowie mit der Bewältigung von oft unvorhergesehenen Krisen meist ohnehin schon die Belastungsgrenze erreicht. Auch der demografisch bedingte Personalmangel macht nicht vor den Finanzdezernaten halt.

Eine Berechnung der Nachhaltigkeitsrendite anhand komplexer Monetarisierungsansätze, zum Beispiel über eine Ökobilanzierung, wurde zwar geprüft und an Beispielen durchgespielt, hat sich aber als zu aufwendig für die tägliche Arbeit in den Kämmereien herausgestellt. Bewusst wurde zudem darauf verzichtet, einen einzelnen, aggregierten Renditewert zu ermitteln. Stattdessen wird die Nachhaltigkeitsrendite in Form eines Dashboards separat für die drei Nachhaltigkeitsdimensionen ausgewiesen. Wie die einzelnen Dimensionen zu gewichten und gegeneinander abzuwägen sind, bleibt der Verwaltung und vor allem dem politischen Aushandlungsprozess in der Kommune überlassen. Damit soll das Werkzeug auch eine Diskussionsgrundlage zur Beantwortung der Frage liefern, ob eine Kommune in ihren Investitionsentscheidungen beispielsweise der ökologischen Dimension der Nachhaltigkeit einen Vorrang gegenüber der ökonomisch-haushalterischen Nachhaltigkeit gibt.

Die Indexierung wurde exemplarisch für die Bereiche kommunale „Baumpflanzungen“ sowie „Schulneubau“ in verschiedenen Ausführungsvarianten durchgespielt und miteinander verglichen. Anhand der Nachhaltigkeitsrendite zweier Ausführungsvarianten einer Baumpflanzung zu gleichen Kosten lässt sich gut darstellen, dass eine Pflanzung in einem dichtbesiedelten Wohngebiet mit geringem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung etwa eine höhere Nachhaltigkeitsrendite ausweist als eine Ersatzpflanzung im Stadtpark.

Lokalisierte SDGs mit sozialem Bezug

Der Grund: Die erste Variante zahlt stärker auf lokalisierte SDGs mit sozialem Bezug ein. In Zukunft sollen so weitere kommunale Investitionsvorhaben modelliert und um einen Vergleich verschiedener Investitionsprojekte
erweitert werden. Das Werkzeug der Nachhaltigkeitsrendite soll Kommunen als ausfüllbare Tabelle mit vorgegebenen Ausfüllhilfen zur Verfügung gestellt werden. So sollen individuelle Auslegungsspielräume minimiert und es soll der Gefahr eines möglichen Greenwashings vorgebeugt werden.

Die Nachhaltigkeitsrendite als neue Möglichkeit der Nachhaltigkeitsbewertung kommunaler Investitionen könnte auch noch mit Blick auf ein weiteres Zukunftsthema für Banken und Kommunen relevant werden: Sustainable Finance. Die EU-Taxonomie lässt keinen Zweifel daran, dass zukünftig der Zugang zu nachhaltigen Finanzierungsformen nur über einen validen Nachhaltigkeitsnachweis der zu finanzierenden Projekte möglich sein wird. Auch wenn die Übertragbarkeit der EU-Taxonomie für das Kerngeschäft der kommunalen Investitionsfinanzierung erst noch zu prüfen ist, hat die Nachhaltigkeitsrendite grundsätzlich das Potential, auch hier als handhabbares Werkzeug Nutzen zu stiften.

scheller@difu.de

Autor

Dr. Henrik Scheller ist Teamleiter Wirtschaft, Finanzen und Nachhaltigkeitsindikatorik, Christian Raffer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Difu.

Info

Der Gastbeitrag ist zuerst in der aktuellen Ausgabe 2/2023 von Der Neue Kämmerer erschienen. Hier geht es zum Abo und hier zur Newsletter-Anmeldung.
Anne-Kathrin Meves

Anne-Kathrin Meves ist Redakteurin der Zeitung „Der Neue Kämmerer“. Nach dem Studium der Anglistik, Geschichte und Wirtschaftswissenschaften (M.A.) hat sie ein Volontariat beim Deutschen Fachverlag in Frankfurt am Main absolviert. Danach wechselte sie 2011 als Redakteurin zu Frankfurt Business Media, dem FAZ Fachverlag. Zunächst schrieb sie dort für die Magazine „FINANCE“ und „Der Treasurer“. 2018 wechselte sie in das Redaktionsteam von „Der Neue Kämmerer“.