Die Coronakrise hat laut Christian Lips, Chefvolkswirt der NORD/LB die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 in den den Schatten gestellt.

NORD/LB, Fotograf: Daniel George, Hannover

21.09.20
Haushalt

Die Wucht der Coronakrise kommt noch

Die Corona-Pandemie hat für einen beispiellosen wirtschaftlichen Absturz gesorgt. Doch diese Gesundheitskrise lässt sich nicht nur mit wirtschaftlichen Maßnahmen steuern, sagt Christian Lips, Chefvolkswirt der NORD/LB.

Herr Lips, wie bewerten Sie die Coronakrise? Was macht den Unterschied zu vorangegangen Krisen aus?
Der Einbruch der Wirtschaftsleistung, wie wir ihn im Frühjahr gesehen haben, ist dramatisch und historisch – auch wenn ich diese Adjektive nur ungern bemühe. Ein solches Ereignis gab es noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Ausmaß des wirtschaftlichen Absturzes ist beispiellos. Die Coronakrise stellt selbst die globale Finanzkrise 2008/09 in den Schatten. Im Moment haben wir, was die wirtschaftliche Leistung anbelangt, einen Sprung zehn Jahre zurück gemacht. Der Einbruch in der Euro-Zone insgesamt fiel noch stärker aus als in Deutschland, dort befinden wir uns jetzt etwa im Jahr 2005; in Italien sogar in den 90er Jahren. Die Krise hat global mehr oder weniger alle Volkswirtschaften erwischt, auch das ist ein Unterschied zu vorangegangenen Krisen.

Gibt es mittlerweile auch gute Nachrichten aus der Sicht eines Volkswirts?
Ja, der Absturz war heftig, aber wir haben, zumindest in Deutschland, nur einen Gutteil des zuvor starken zyklischen Aufschwungs verloren. Eine weitere positive Nachricht ist, dass seit Mai in Deutschland und Europa eine sukzessive Erholung eingesetzt hat. Wir erwarten – Stand heute – ein außergewöhnlich starkes Wachstum im dritten Quartal 2020 in der Euro-Zone. Der Aufholprozess seit dem Lockdown war sehr dynamisch, allerdings sollten wir dabei nicht außer Acht lassen, dass das Aufholpotential nach einem großen Absturz immer groß ist. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt konnte in Deutschland das Kurzarbeitergeld bislang eine Entlassungswelle verhindern. Die USA zeichnen vor, was passiert, wenn ein solches Instrument fehlt. Dort hat Corona in der Summe auch im Hinblick auf den Arbeitsmarkt alle vorangegangenen Krisen in den Schatten gestellt. Auch wenn Kurzarbeit nicht auf Dauer angelegt sein darf: Angesichts der außergewöhnlichen Krise und der damit verbundenen hohen Unsicherheit erscheinen die jüngsten Beschlüsse zur Verlängerung des Instruments als angemessen.

Beschleunigter Aufholprozess

Wie wird es jetzt weitergehen? Mit welchen Szenarien arbeiten Sie?
Eine lupenreine V-förmige Erholung halte ich für unwahrscheinlich. Anfangs wird es einen beschleunigten Aufholprozess und dann eine Abflachung geben. Allerdings gehen wir bei der NORD/LB in dieser Basisprognose davon aus, dass es keinen zweiten Lockdown geben wird. Ein solcher wäre dramatisch und mit noch nachhaltigeren Effekten auf den Arbeitsmarkt und für die öffentliche Hand verbunden als der erste Lockdown. Wichtig ist auch, nicht außer Acht zu lassen, dass wir es – trotz aller dramatischen wirtschaftlichen Folgen – mit einer Gesundheitskrise zu tun haben. Diese lässt sich nicht nur mit wirtschaftlichen Maßnahmen steuern.

Wie gut hat die Politik Ihrer Einschätzung nach auf die Krise reagiert?
Im Unterschied zu früheren Krisen sind jetzt nicht nur einzelne Sektoren betroffen, sondern die gesamte Wirtschaft wurde schockgefrostet. Völlig intakte Unternehmen sind schuldlos in Schwierigkeiten geraten. Das ist auch ein Grund, warum die Wirtschaftspolitik so massiv gegengesteuert hat. In Summe hat die Politik sehr gut agiert. Für eine solche Pandemie gab und gibt es keine Blaupause. Ein einfacher Maßnahmenstimulus, wie ein klassisches Konjunkturprogramm, wäre beispielsweise im März sicher noch weitgehend ins Leere gelaufen und mit Blick auf das notwendige Social Distancing auch falsch gewesen.

Kommunen leiden unter massiven Steuereinbrüchen. Was erwarten Sie konkret für die Entwicklung kommunaler Haushalte?
Die gesamtstaatliche Defizitquote könnte 2020 zweistellig ausfallen. Doch die große Welle an Mindereinnahmen wird erst 2021 und danach auf die Kommunen zurollen. Dazu kommt, dass es sehr unterschiedliche wirtschaftliche Ausgangslagen bei den Kommunen gibt. In der Vergangenheit sind viele Kommunen, vor allem in NRW, dem Saarland und Rheinland-Pfalz, in einen Teufelskreis aus hohen Kassenkreditständen, niedrigen öffentlichen Investitionen und hohen Altschuldenbergen geraten. Wenn durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung die Wirtschaft angekurbelt wird – wovon wir ausgehen –, hilft dies mittelbar auch den Kommunen. Wegen des erwähnten Teufelskreises sollte die Politik aber über noch stärkere Kostenübernahmen durch andere Gebietskörperschaften nachdenken. Vielleicht sollte beispielsweise die Kostenübernahme bei den KdU gleich auf 100 Prozent gestellt werden und nicht erst auf 75 Prozent, wie im Konjunkturpaket geschehen. Einiges ist mittlerweile aber auf dem richtigen Weg.

Gewerbesteuerausfälle werden bleiben

Wo sehen Sie sonst noch konkreten Nachbesserungsbedarf?
Angesichts der Tiefe der Krise ist vieles noch zu kurzfristig angelegt. Gewerbesteuerausfälle werden die Kommunen sicher noch einige Jahre begleiten. Frühestens Anfang 2021 wird man eine Bestandsaufnahme machen können. Nehmen Sie etwa das Insolvenzgeschehen. Im Moment sind die Unternehmen noch in Watte gepackt. Frühestens nach dem Jahreswechsel werden wir bei diesem nachlaufenden Indikator erste belastbare Zahlen haben. Die Verlängerung des Moratoriums bei der Insolvenzantragspflicht erscheint nachvollziehbar, ist aber auch ein zweischneidiges Schwert. Kurzfristig müssen sicherlich die Auswirkungen der Krise gedämpft werden, doch langfristig werden wir nicht an Strukturreformen vorbeikommen. Die Krise legt jetzt bei vielen Themen gewissermaßen den Finger in die Wunde. Das kann auch eine Chance sein.

Wo sollte die Politik jetzt ansetzen?
Es zeigt sich vielerorts ein erhöhter Investitionsbedarf. Etwa bei der Breitbandversorgung, da mehr Menschen im Home-Office arbeiten oder lernen. Was passiert mit dem ÖPNV in Zeiten von Abstandsgeboten? Oder wenn an Schulen dauerhaft auf Abstand gelernt werden muss? Das gilt überall. Bund und Länder dürfen und werden sicher nicht zuschauen, wie einige Kommunen abgehängt werden.

ak.meves(*)derneuekaemmerer(.)de

Lesen Sie in der kommenden Woche auf derneuekaemmerer.de im zweiten Teil des Interviews mit welchen Rahmenbedingungen Kämmerinnen und Kämmerer jetzt rechnen müssen und welchen Nachbesserungsbedarf der Chefvolkswirt beim Konjunkturpaket sieht.

Ein Ausschnitt aus dem Interview ist in der Septemberausgabe von Der Neue Kämmerer erschienen.

Weiterführende Informationen finden Sie auf der DNK-Themenseite Coronakrise.

 

 

Christian Lips begann nach seiner Bankausbildung und dem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Leibniz Universität Hannover im Jahr 2006 seine Tätigkeit bei der NORD/LB im Rahmen eines Traineeprogramms. Von 2008 an arbeitete er in der Abteilung Research/Volkswirtschaft und war seither zuständig für volkswirtschaftliche Analysen und insbesondere die Prognose von Konjunktur-, Zins- und Wechselkursentwicklungen. Seit Juli 2018 ist der Diplom-Ökonom Chefvolkswirt der Bank.